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Praxisbeispiele zu einem fördernden Erziehungsalltag in KiTa und Krippe – Stärkung der Persönlichkeit von hochbegabten Kindern

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Rotraut Engelhardt

Kommunikation, die eindeutig und klar ist, sorgt dafür, dass sich Kinder sicher fühlen. Eine regelbezogene Interaktion, die das gemeinsame Bemühen um ein gelingendes Zusammenleben in den Mittelpunkt stellt (statt der Differenz zwischen dem Erwachsenen und dem Kind), verhindert kraftzehrenden Machtkampf und stärkt die Persönlichkeit der Kinder im sozialen Leben. Die Bereitschaft eines Erwachsenen, auch das scheinbar Selbstverständliche zu hinterfragen und Wunder zu erleben, ermöglicht es, da zu sein, wo auch das hochbegabte Kind in seinen Lernprozessen steht, und für das Kind eine kompetente, fördernde Autorität zu sein, mit der es sich seiner Intelligenz gemäß freudig entwickelt.

Im nachfolgenden Absatz gebe ich ein Beispiel für nicht eindeutige Kommunikation. Nachfragen des Kindes  zerlegen einen vermeintlich klaren Satz, so wie es hochbegabte Kinder tun und damit ihre Umgebung beanspruchen. Gerade diese Eigenheiten der Kinder spiegelt auch ein guter Intelligenztest wieder: Präzision der Wahrnehmung, Erkennen von Mustern und Regeln, angemessenes Beantworten von Fragestellungen aus der Umwelt.

Kommunikation am Beispiel: „So, jetzt geh´n wir mal alle wieder rein!“

Was, glaubt die Erzieherin, die diesen Satz am Nachmittag in den Garten ruft, soll nun passieren? „Ist doch klar, dass halt alle reingehen!“ antwortet man spontan. Doch so klar ist das nicht. In welcher Zeit sollen die Kinder nach drinnen gehen? Sollen alle Kinder irgendwie durch die Türen rennen, Hauptsache, schnell? Sammeln sie sich erst, bilden sie gar eine Reihe? Kommt so nach und nach jeder, der irgendwie glaubt, draußen fertig zu sein? Bleiben die Spielzeuge da, wo sie gerade sind, oder wird erwartet, dass sie aufgeräumt werden? Ziehen die Kinder Schuhe an oder aus, bevor sie herein kommen? Säubern die Kinder ihre Kleider, wenn etwa Sand dran hängt, oder bringen sie alles mit rein? Was denkt unausgesprochen die Erzieherin, die das ruft? Und: denken alle Erzieher das Gleiche, die die Kinder nach drinnen rufen?

Je klarer der erwachsene Erziehende vorher weiß, was er von den Kindern erwartet, und je eindeutiger es ihm gelingt, dies auch zu formulieren, desto sicherer fühlt sich das Kind, desto selbstverständlicher  kann es die Autorität des Erwachsenen respektieren, desto eindeutiger kann es richtig von falsch unterscheiden.

Regeln am Beispiel „Wenn…, dann…“

Die „Wenn-Dann-s“ haben es in sich. Sie werden als Drohung, Erpressung im besten Sinne formuliert und haben die unangenehme Eigenschaft, letztlich dem Kind den Schalthebel in die Hand zu drücken. Denn: was, wenn eben nicht? Deshalb sind sie auch zur Eskalation der Situation geeignet.

Aber eigentlich haben sie Sinn, denn sehr Vieles funktioniert nach dem Wenn-Dann-Prinzip: Wenn  ich vor dem Mittagessen zu spät zu spielen aufhöre, habe ich kürzer Zeit zum Essen. Wenn ich draußen im Sand spiele, kann ich nicht gleichzeitig drin der Erzieherin beim Vorlesen zuhören. Wenn es kalt ist, ziehe ich am besten etwas Wärmeres an. Wenn ich mein Getränk sofort leere, habe ich nachher nichts zu trinken. Wenn ich über nassen Boden mit nackten Füßen renne, falle ich sehr wahrscheinlich hin. Wenn viele Kinder gleichzeitig in ein Buch sehen wollen, müssen sie sich geordnet gruppieren. Wenn ich zu laut rede, höre ich nicht, was die Erzieherin gerade zu tun vorschlägt. Wenn ich das nicht gehört habe, bleib ich bis zum Schluss übrig und weiß nicht, worum es geht, verpasse womöglich etwas. Wenn ich der Erzieherin unablässig das Wort abschneide, wird sie nach einer geschätzten Zeit von x Minuten ungnädig. Wenn ich etwas nicht wieder aufräume nach dem Spielen, finde ich es morgen womöglich nicht wieder usw..  Zu jedem Satz gibt es die positive und die negative Variante!

In diesen „Wenn-Dann-s“ liegt eine natürliche Logik zugrunde. Die zu erkennen macht nicht nur den hochbegabten Kindern Spaß. Eine Situation, z.B. diese mit dem „Gemeinsam-ein-Buch-Anschauen“, kann zuvor zusammen ergründet werden: „Was sollen wir tun, damit alle etwas sehen können?“ Die Kinder sind gefordert, Ordnungen zu erfinden, Sachlogik zu durchschauen. Hochbegabte können als Krippenkinder in solchen Situationen schon zu Hochform auflaufen, möglicherweise können sie Lösungen nicht formulieren, aber sie tun auf einmal genau das, was sinnvoll ist.

Viele Alltagsabläufe können wir als Bedingungs-Folge-Reihen abbilden, die die Intelligenz der Kinder ganz natürlich beanspruchen. Hochbegabte fühlen sich gerne herausgefordert, die Reihen als solche zu erkennen und teilen ihre Beobachtungen gerne mit. (Die Qualität dieser Mitteilungen liefert übrigens häufig den ersten Anstoß, über einen IQ-Test nachzudenken.)

Alle Kinder sind dann stolz, wenn sie ohne fremde Hilfe in einer solchen Reihe zurecht kommen. So hat man auf einmal Kinder, die sich freudig an Regeln halten, stolz sind, etwas richtig zu machen, die als Persönlichkeiten wachsen und Verantwortung übernehmen für das eigene Handeln, schon als Zwei- und Dreijährige. Und die genau gegen dieselbe Regel opponieren würden, würde sie ohne Sinnbezug vom Erwachsenen einfach so vorgesetzt: „… weil ich es eben sage!“.

Herausforderungen

Im vorgenannten Abschnitt ging es unausgesprochen bereits um Herausforderung. Das Training der eigenen Neugier geht dem Fördern der Kinder voraus. Finden Sie selbst für sich heraus, was alles man hinterfragen kann. Erfinden Sie Fragen. Die Kinder ahmen Sie nach, und sie werden Antworten suchen. Manche Antworten muss man gekonnt suchen. Schon ist man beim Forschen angekommen. Konkret: Kristalle züchten befriedigt nicht, weil es da so schöne vorgefertigte Kästen gibt, sondern weil die Neugier geweckt ist. Was z.B. ist eigentlich ein Sandkorn, woraus besteht es? Für diese Frage kann dann ein Teil der Antwort aus dem Züchten von Kristallen bestehen. Als Pädagogen sind wir gerne Alles-Wisser und Alles-Erklärer – aber niemand will im Ernst Kinder zu Alles-Fressern machen!?

Sie werden Förderer der Kinder, wenn Sie täglich 1 x staunen, 1 x Widersprüchliches, 1 x Unverständliches bemerken und die Kinder an Ihrem Sich-Wundern und Sich-Fragen teilhaben lassen. Umgekehrt werden die Kinder Sie an ihren eigenen Fragen beteiligen, so dass sie gemeinsam das Forschen und Antworten üben. Dies ist die beste Fortbildung, die Sie, die Erzieherinnen, bekommen können.