Hochbegabte Problemkinder

 

Hochbegabte Problemkinder – Das Prinzip der Leistungsmotivation

Anne Eckerle                                                                               überarbeitet August  2018

Vor Jahren lief ein Film im Fernsehen, in dem eine Trainerin eine Gruppe von Sportlern mit dem Ausruf provozierte: „Siegen ist eine Gewohnheit!“ – Siegen ist eine Gewohnheit? Schön wär’s, werden Sie sagen, aber für mein Kind weit entfernt.

Stellen Sie sich einen erfahrenen Schachspieler vor. Er hat schon viele Partien gespielt. Er weiß, wie es läuft, er hat Zugang zu sich gefunden und kann in Problemsituationen sein Denken „in die Hand nehmen“. Er weiß, was er sich zutrauen kann und wo seine Grenzen sind. Mit gespannter Erwartung beginnt er ein Spiel, ein fähiger Gegner fordert ihn heraus, vielleicht hat er am Ende wieder eine neue strategische Position gefunden, die seinem Gegner Schwierigkeiten gemacht hat. Ob gewonnen oder verloren, es war ein Spiel, das er genossen hat.

Schulische Aufgaben sollen sein wie das Schachspiel für den Spieler. Sie übernehmen die Aufgabe des Spielgegners und reden mit dem Kind. „Ich bin schwer.“ oder „Ob du mich wohl lösen kannst?“  Kinder, die oft an (subjektiv) schwierigen Aufgaben probieren dürfen, sie „in die Hand nehmen“, bis ihre Lösung passt oder bis sie aufgeben, erwerben eine ähnliche Erfahrung wie der Schachspieler. Sie wissen, was sie sich zutrauen können und was sie überfordert. Der Anspruch der Aufgabe und die Leistungsfähigkeit des Problemlösers werden aufeinander abgestimmt. Bei leistungsangepassten Aufgaben ändert sich die Rede: „Mal sehen, ob du es auch dieses Mal schaffst.“ Und das Kind: „Mal sehen, was ich tun kann.“

Solche Kinder haben gute Chancen, zu einer gelassenen Selbsteinschätzung und Freude an der Leistung zu finden, denn sie erleben einen für das Leistungsverhalten grundlegenden Gefühlsverlauf:

  • Bei der Entgegennahme der
    Leistungsmotivation ist eine individuelle Reaktion
    Verschiedene Reaktionen an der gleichen Unterrichtsstelle
    Aufgabe/des Problems ein Gefühl der Herausforderung, das Gefühl, etwas tun zu sollen, was anstrengend wird.
  • Die Kinder machen sich daran herauszufinden, zuversichtlich oder noch beklommen, was die Aufgabe von ihnen will.
  • Sie durchschauen mit wachsender Bestimmtheit, was sie tun müssen; schließlich spüren sie, dass sie Handlungsmacht über die Herausforderung gewinnen.
  • Die Fertigstellung führt zur Zufriedenheit mit sich selbst. Die Aufgabe sagt dem Kind: „Wie gut du bist!“

Psychologen haben diesen emotionalen Prozess der Lernarbeit Leistungsmotivation genannt. Sie unterscheidet sich klar von dem „Interesse“, das sich das Verhältnis einer bestimmte Informationen zum Vorwissen  bezieht. Leistungsmotivation bezieht ihre Wirkung aus dem Wunsch der Person nach Rückmeldung aus der Aufgabe, nach dem „Wie gut du bist!“; sie hat selbstreflexiven Charakter.

Der beschriebene Gefühlsverlauf ist ein wichtiger Grund dafür, dass ein Kind sich in der Schule anstrengt. Die Bedingungen und Wirkungen einer gelingenden Leistungsmotivation sind vielfach beschrieben:

  • Die Aufgabe muss einerseits im Verhältnis zum Können des Kindes schwer sein, sie muss aber andererseits auch die Erwartung zulassen, dass sie bewältigt werden wird. Diese Balance zwischen Schwierigkeit und Können wird das „individuelle mittlere Anspruchsniveau“ genannt. Es ist für jedes Kind in jedem Fach zu bestimmen.
  • Solche Aufgaben ermutigen zur Anstrengung, ja die Anstrengung wird als lustvoll erlebt, weil sie von der Erwartung unterlegt ist, dass sie schließlich zum Erfolg führt. Jeder Erfolg enthält auch eine Rückmeldung an den, der sich angestrengt hat: Du bist jemand, der mit Schwierigkeiten fertig wird, wenn er sich anstrengt. – Das ist ein Schritt der Identitätsentwicklung. Das Kind lernt über sich selbst im Verhältnis zu bestimmten Herausforderungen.
  • Die Wiederholung solcher Erfahrungen führt dazu, dass sich die Selbsteinschätzung festigt und verallgemeinert. Ein Kind, das Erfolgszuversicht gelernt hat, wird schwierige Probleme anpacken und die Lösungsarbeit gegebenenfalls auch dann vorantreiben, wenn die Schwierigkeiten nicht gleich ausgeräumt werden können. Erfolgszuversicht ist ein wichtiger Teil des allgemeinen Selbstvertrauens.

Hier gilt: Siegen ist eine Gewohnheit.  –  Die Bedingungen und Wirkungen der Leistungsmotivation sind grundlegend für alle Erziehungsarbeit.

Werfen wir von hier aus einen Blick auf die Schulklasse, dann erkennen wir, dass diese Chance der Entwicklung für zwei Gruppen von Kindern unterlaufen wird, für die hochbegabten und die schwach begabten. Den schwach begabten  gelingt die Lösung der Aufgabe nicht; daher bleiben ihnen die belohnenden Wirkungen vorenthalten. Die Aufgabe sagt zu ihnen: „Du weißt, du wirst es nie schaffen.!“  –  Den hochbegabten wird keine Anstrengung geboten, daher wird die richtige Lösung auch nicht zum Sieg. Die Aufgabe sagt zu ihnen: „Wieder mal langweilige Sachen geschrieben.“  –  Die Gefühlsverläufe der Leistungsmotivation fehlen bei beiden Gruppen.Normalverteilung der Intelligenz in der Gruppe

Die scheinbar paradoxe Wirkung ist bei den Hochbegabten, dass sie trotz hoher Begabung schwache Schüler werden. Diese Kinder erbringen im Unterricht die erwartete Leistung, ohne sich anzustrengen; während die Mitschüler mit (subjektiv) schwierigen Aufgaben Sieg oder Niederlage erleben, erleben sie selbst nur Bedeutungslosigkeit. Leider fällt aber nicht auf, dass sie nicht arbeiten, denn bei den Leistungsüberprüfungen schneiden sie gut ab. Erst im Verlauf  kommt es zu Defiziten: Da das Kind keine Herausforderungen erhält, erwirbt es auch keine persönlichen Strategien, mit ihnen umzugehen. Doch der Anspruch des Unterrichts steigt mit den Jahrgangsstufen; es kommt der Punkt, an dem bloßes Zuhören nicht mehr ausreicht. Ohne Erfahrung mit Herausforderungen erlebt das Kind, was es noch nie gab: Die Aufgabe entzieht sich.

Diese Erfahrung verletzt das bisher aufgebaute Selbstbild; bisher galt, dass die Bereitschaft, eine Aufgabe zu bearbeiten, immer auch bedeutet, sie zu lösen; und auf einmal ist Alles anders.  In dieser krisenhaften Situation können Kinder den Anschluss verlieren und hinter den Mitschülern, die im Umgang mit sich selbst und mit Lernschwierigkeiten schon erfahrener sind, zurückbleiben.

Hochbegabte Kinder, denen in frühen Jahren keine angemessenen Herausforderungen geboten werden (Passungsproblem), tragen das Risiko, dass sie nicht lernen, wie man lernt. Wir sehen in unserer Beratung Kinder, die an der Schule ersticken. Sie langweilen sich nicht, weil die Inhalte uninteressant sind, sondern weil ihrer Anstrengungsbereitschaft keine Gelegenheit geboten wird.  Die Gefühlsbewegung zwischen Angst und Sieg fehlt, statt weiten emotionalen Ausschlägen zeigt sie sich als  Sinuskurve, als Gerade, als Null. Die Kinder flüchten je nach persönlicher Ausrichtung in Tagträume, Opposition, Stellvertreterkriege in der Familie oder entwickeln psychosomatische Symptome. Der Konflikt, aus unterrichtlicher Irrelevanz entstanden, wird meist über das Thema Hausaufgaben in die Familien eingetragen und kann dann sekundär zu einer Belastung der Beziehung zwischen Mutter (Väter in vergleichbarer Rolle sind hier mitgedacht) und Kind führen. Das „Nörgelmutter-Syndrom“ meint Mütter, die sich in bester Absicht bemühen, Leistungseinbrüche, die ihr Kind in der Schule erlebt, zuhause durch Begleitung der Hausaufgaben und des vorbereitenden Lernens abzuwenden. Das demotivierte Kind bleibt dann manchmal stundenlang über seinen Hausaufgaben hängen, die Mutter setzt Geduld und Ungeduld ein, um es zur Erledigung zu bewegen.

Bei diesem sekundären Konflikt geht es im Kern um den Bruch der Solidarität zwischen Mutter und Kind, denn die Mutter setzt den Anspruch der Schule im Rahmen der Familie fort und versucht, ihrem Kind die geforderten (subjektiv bedeutungslosen) Leistungen abzuringen. Sie zeigt also Solidarität mit den schulischen Ansprüchen und enttäuscht damit ihr Kind, das bei ihr Schutz und

Trost erwartet hat. Und noch weiter: Selbst wenn das Kind mit Aggression oder Opposition, also mit Wut nach außen, reagiert, immer zeigt sich, dass es auf die erlebte „Kränkung“ (Bruch der Solidarität) auch mit Schuldgefühlen, also mit Selbstvorwürfen, reagiert. 

Ein Schiff, das gleich untergehen wird - Lähmung der Leistungsmotivation
Achtung, Gefahr!
Diese nach dem Leistungsabfall zweite Stufe der Störungsentwicklung betrifft nun die Persönlichkeitsentwicklung. Die Kinder fallen in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung zurück. Sie werden hochbegabte Problemkinder.

3 Antworten auf „Hochbegabte Problemkinder“

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