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Hilfe in Schulen

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Zunächst sollten Eltern sich klar machen, dass 80 % aller hochbegabten Kinder in der Schule zurecht kommen. Nicht ohne Probleme, wie andere Kinder auch, aber schließlich finden sie ihren Weg. Nicht jede Störung des Verhaltens oder der Leistung ist ein Krisenzeichen. Das Vertrauen in die Normalität sollte nicht durch die bloße Information über eine vorliegende Hochbegabung eingeschränkt werden. Lassen Sie Ihr Kind kleine Ungerechtigkeiten und Niederlagen aushalten; helfen Sie ihm dabei, solche Erfahrungen einzuordnen, anstatt sie aufzuladen mit einer Rückmeldung, die auf Krisenhaftes verweist. Kinder, die den Respekt ihrer Eltern haben, sind durch mäßige Niederlagen in der Schule nicht gefährdet.

Mit diesem Hinweis soll jedoch nicht zurückgewiesen werden, dass Hochbegabung ein Risiko der Lernbiografie und der sozialen Integration enthält. Die Ombudsarbeit der Hochbegabtenhilfe fokussiert solche negativen Erfahrungen. Die nachfolgenden Hinweise sollen bei der Handhabung solcher Fälle helfen.

1. Ambivalenz des Themas Hochbegabung

Das Thema Hochbegabung ist für die Kinder und Jugendlichen, die ihre Begabung nicht in ansprechende Leistung umsetzen können, heikel. Häufig besteht in der sozialen Umgebung – nicht nur bei LehrerInnen – Skepsis gegenüber Testergebnissen, wenn die tägliche Plausibilität ihnen nicht entspricht. Leistungsversagen, aber unterfordert? Rotziges Verhalten, aber klüger als andere? Ein hochbegabtes Kind, das sich oppositionell verhält, kann seine Lerngruppe erheblich stören. Viele Lehrer und Eltern von Mitschülern stehen den Forderungen der Eltern von hochbegabten Problemkindern skeptisch oder ablehnend gegenüber. In einer unüberbietbaren Kürze brachte der frühere Leiter der Europäischen Schule Frankfurt die Gefühle zum Ausdruck, die in solchen Situationen entstehen: „Hochbegabung ist die Arroganz eines Kindes auf Kosten aller anderen.“ – Das Kind und seine Familie können einsam werden.

2. Umgang mit dem Testergebnis

Wenn nicht wichtige Gründe dafür sprechen (etwa plötzlicher Leistungsabsturz oder eine extreme Verhaltensentwicklung, die den Gedanken an sonderpädagogische Förderung aufkommen lässt) sollte die Diagnose einer Hochbegabung in der Schule nicht bekannt gegeben werden. Sie bezieht sich auf persönliche Eigenschaften des Kindes, die dessen soziale Wahrnehmung erheblich beeinflussen können. Wenn aus gegebenem Anlass die Schul- und die Klassenleitung informiert werden müssen, dann unterliegen diese der Schweigepflicht. Die Information hat für sie professionelle Folgen, von der schulrechtlichen wie von der pädagogischen Seite. Keinesfalls sollten andere Eltern und Mitschüler Kenntnis erhalten.

3. Wege innerhalb der Schule

Wenn Probleme auftreten, ist zunächst die Klassenlehrerin oder der Klassenlehrer AnsprechpartnerIn in allen persönlichen Betroffenheiten des Kindes. Helfen Sie den Lehrkräften, die Paradoxie ihrer Beobachtungen aufzulösen, indem Sie auf erklärende Texte verweisen – die Aufsätze unter „Grundlegende Texte“ sind für diesen Zweck geschrieben.

Holen Sie in Ihr Gespräch mit der Klassenleitung die Schulstruktur hinein:

  • Die Klasse hat eine Elternvertretung. Können unterstützende Regelungen im Kreis der Eltern und Schüler gefunden werden? (etwa Information über Hausaufgaben, gemeinsames häusliches Arbeiten einiger Kinder, unterstützende Vorschläge gegenüber der Lehrerin bzw. dem Lehrer).
  • Die Klasse hat eine Schülervertretung. Die Klassensprecher können ein Thema in die Sitzungen der Schülervertretung einbringen. Die SV hat Teilnahmerecht bei Gesamtkonferenzen und Schulkonferenzen.
  • Die Schule hat in der Regel einen Vertrauenslehrer, oft auch einen Hochbegabtenbeauftragten. Er kennt die Schule von innen, kann Rat geben und in das Gespräch mit einbezogen werden. Die Ergänzung bleibt auf kollegialer Ebene; natürlich kann auch der Schulleiter und damit die Vorgesetztenebene einbezogen werden.
  • Für die Schule sind ein Schulrat und ein Schulpsychologe im Staatlichen Schulamt zuständig, im Schulpsychologischen Dienst gibt es immer auch einen Kollegen, der sich besonders mit dem Thema Hochbegabung befasst hat.
  • Schließlich gibt es in den Kultusministerien Dezernenten, die mit dem Thema Hochbegabung befasst sind und Hinweise auf besondere Unterstützungsmöglichkeiten geben können.

4. Was kann getan werden?

Konflikte entstehen unter anderem aus Hilflosigkeit. Wenn in Verordnungen der Länder bestimmt wird, dass Schülerinnen und Schüler mit hoher Begabung begabungsangemessen gefördert werden sollen, dann folgt daraus für die einzelne Lehrkraft nicht die Erkenntnis, was sie im konkreten Fall unternehmen könnte, um eine Störsituation zu beheben. Neben der Aufklärung der vermeintlichen Paradoxie ist daher die Abwägung, was getan werden kann, von Bedeutung.

Neben den Hinweisen zu Enrichment und der Nutzung von Fernschulen verweisen wir hier auf einen zentralen Punkt. Viele weitere „handwerkliche“ Hinweise wären möglich, treten aber neben dem folgenden zurück:

Eltern, die längere Zeit gegen die Verweigerung ihres Kindes dafür sorgen, dass es am nächsten Vormittag in der Schule bestehen kann, sind in Gefahr, ihrem Kind nicht mehr die notwendige Solidarität der Familie zu bieten, sondern Schule in der Familie fortzusetzen („Nörgelmuttersyndrom“). Die Bindung insbesondere zwischen Mutter und Kind wird ambivalent. Das ist eine äußerst riskante Situation für die weitere Unterstützung des Kindes.

Wenn Hausaufgabenzeiten drei und mehr Stunden andauern oder somatische Beschwerden des Kindes im Zusammenhang mit Schule auftreten und das Kind sich von der Familie in virtuelle Welten absondert, dann muss das als Hinweis auf eine Krise gewertet werden. Der oberste Grundsatz heißt: Die Familie ist unendlich viel wichtiger als die Schule. Respekt und Zuneigung für das Kind können nicht von dessen Situation in der Schule abhängig gemacht werden. Das Kind ist mehr als seine Leistung.

Übergeben Sie die Schule Ihrem Kind. Bieten Sie ihm an, dass es auf Sie zukommen darf, wenn es Hilfe braucht, nehmen Sie ihm aber nicht die Entscheidung durch die allgegenwärtige Geste der Kontrolle. Zweckmäßig ist, die Schule darüber zu informieren, dass Ihr Kind dabei ist, sich in seine Selbständigkeit einzufinden, damit diese Leistung von Seiten der Schule unterstützt wird. Gewinnen Sie die Klassenlehrerin bzw. den Klassenlehrer dafür, die nächsten Wochen konsequenter als sonst die Hausaufgaben und die Lernleistungen zu überwachen und im Fall von Versäumnissen mit nicht entmutigenden Hinweisen zu reagieren: „Heute ist dir das noch nicht gelungen. Sicher hast du es morgen erledigt.“

Wenn das Kind für die Schule arbeiten soll, dann muss es an sich selbst glauben; dem dienen solche behutsamen und konsequenten Rückmeldungen einer Lehrkraft. Es muss aber auch glauben, dass die Menschen, die in der Schule zuständig sind, Respekt verdienen und sich um Unterstützung bemühen. Daher ist es wichtig, Lehrer auch im Familiengespräch nicht herabzusetzen.

Es kann sein, dass Ihr Kind mit seiner neuen Selbständigkeit nicht so umgehen kann, dass kurzfristig die Leistung stabil bleibt oder sich verbessert. Die Überlassung von Selbständigkeit wurde hier nicht empfohlen, weil daraus gute Leistung folgt – glücklicherweise ist das aber bei Hochbegabten sehr häufig mittelfristig der Fall – sondern weil die Priorität der familiären Bindung gewahrt werden muss.

Es gibt Situationen, in denen eine Familie sich nicht mehr mit der Schule arrangieren oder sogar das eigene Kind nicht mehr anleiten kann. In diesen Fällen sollten Berater hinzugezogen werden. Geeignete Anlaufstellen sind die Schulpsychologischen Dienste, Erziehungsberatungsstellen und Sozialpädagogische Zentren, in Frankfurt am Main das Hochbegabtenzentrum und die Hochbegabtenhilfe. Schnelle Schulwechsel sind immer ein Einbruch für das Kind. Manchmal muss die Entscheidung getroffen werden. Wenn sich aber die Schulwechsel häufen, kann der Nutzen der je neuen Schule überlagert werden von dem Schaden des sozialen Abbruchs und der Erfahrung der Flucht.

Immer wieder wird besonders von Seiten der Schule die Aufnahme psychotherapeutischer Hilfe empfohlen. Im Einzelfall sollte hierüber mit dem Kinderarzt beraten werden. Generell aber gilt: Hochbegabte Kinder reagieren auf ihre Weise rational, wenn sie gegen Unterforderung rebellieren. Sie brauchen keine Therapie, denn mit ihnen ist alles in Ordnung. Sie brauchen stattdessen die Veränderung ihrer Lernwelt hin zu einem begabungsadäquaten Anforderungsniveau. Der Klient ist die Lernsituation, nicht das lernende Kind.