Der Unterricht in der Karl-Popper-Schule

Der Unterricht in der Karl-Popper-Schule              

Anne Eckerle, 2017

Die vier Grundformen des Unterrichts

Drei der vier Grundformen des Unterrichts führen Inhalte – von einem für eine Stammgruppe gemeinsamen Start ausgehend – in Differenzierung weiter und schließen sie mit forschendem Arbeiten ab. Die Differenzierung erfolgt auf der Basis des „Parallelcurriculums“ von Joseph Renzulli u.a., entworfen aus der Erfahrung der Hochbegabtenpädagogik, vorgeschlagen aber zur Förderung von SuS mit verschiedenen Begabungen und Bedürfnissen.

Die erste Grundform ist die Wissensbasis. Ort: Stufenraum. Ein Lehrer, eine Stammgruppe bzw. Teilgruppe nach Plan.

Hier werden in exemplarischer Reduktion* die in den Lehrplänen geforderten Inhalte geboten. Für die Darbietung gelten Regeln. Neben der exemplarischen Reduktion beziehen sie sich für LuL vor allem auf die explizite Vernetzung des gebotenen Inhalts mit Vorangegangenem und Folgendem sowie auf das klare Erkennen der geforderten Lernleistung. Die Anforderungen für SuS beziehen sich auf aktives Zuhören und eine Mitschrift, die während der Erstdarbietung vorbereitet werden soll. Die Grundform der Wissensbasis ist vollständig auf Rezeption und Reproduktion eingestellt. Sie nimmt maximal 45 Minuten in Anspruch und tritt im Stundenplan bis zu drei mal täglich auf.                                       * Zum exemplarischen Prinzip Abschnitt 3 dieses Aufsatzes

Aufgrund des hohen Anspruchs bei der exemplarischen Auswahl und Darbietung der Inhalte wird für diese Grundform angestrebt, dass die LuL in den ersten Jahren ein schuleigenes Materialdepot entwickeln, das in den weiteren Jahren nach Bedarf genutzt und fortgeschrieben werden kann. 

Die zweite Grundform ist das individuelle Arbeiten. Ort: Großraum, alle Lehr- und Förderkräfte, SuS der zusammengefassten Jahrgangsstufen.

Im individuellen Arbeiten wird das in der Wissensbasis Gebotene variiert: vertieft, vernetzt, problematisiert, aspektiert (Renzulli-Parallelen). Diese Grundform dient der Individualisierung des Tempos, des Umfangs, der Richtung und des Anspruchsniveaus der fachlichen Arbeit. Sie wird bestimmt von der Kooperation zwischen dem „Kompetenzzentrum“ und den Lehr- und Förderkräften.                     

Diese Kooperation ist das Herzstück der individuellen Förderung. Im Kompetenzzentrum laufen die diagnostischen Daten der SuS zusammen (Aufnahmediagnostik und fortge­schriebene Beobachtungsdaten), die eine Bestimmung des „mittleren Anspruchs­niveaus“ der SuS ermöglichen („subjektiv schwer, aber bei Anstrengung lösbar“). Die konsequente Herausforderung jeder Schülerin und jedes Schülers auf diesem indivi­duellen Niveau ist eine wesentliche Voraussetzung für die angestrebte hohe Leistungsmotivation in der KPS.

Die Anliegen im individuellen Unterricht sind die persönliche Lernplanung und die Beratung der SuS durch die Lehr- und Förderkräfte der Schule. Inhaltlich geht es um die Absicherung der Wissensbasis und deren Erweiterung.  Eine besondere Bedeutung hat dabei die Entwicklung von Fragen.

Fragen zu stellen ist das didaktische Anliegen des individuellen Unterrichts mit Blick auf das anschließende forschende Arbeiten. Die Methodik für diese Aufgabe ist in den Publikationen zum Critical Thinking vielfältig dargestellt, für die Karl-Popper-Schule vorbildlich von Charles R. Pearce. Wichtig ist die Unterscheidung von Fragen, die durch Literatur-Recherche bearbeitet werden können, und anderen Fragen, die Experiment, Beobachtung, Analyse, Interpretation oder argumentativ begründete Entscheidung erfordern. Die erste Art gehört in das individuelle Arbeiten, die anderen Fragen führen hinein in die dritte Grundform des Unterrichts, das forschende Arbeiten.                           

 

Die dritte Grundform ist das forschende Arbeiten.

Ort: Großraum, alle Lehr- und Förderkräfte, SuS nach Fragestellungen gruppiert.

Das forschende Arbeiten ist in Form von Gruppenarbeit, überwiegend Kleingruppenarbeit, organisiert. Überwiegend kommen die SuS aus der gleichen Stamm-gruppe. In der Regel liegen die Fragen im Bereich der in der Wissensbasis gebotenen Inhalte, die im individuellen Arbeiten aufgenommen und erweitert worden sind. In einem von LuL geleiteten Lernprozess wird ab der Jgst. 5 nicht nur die Fähigkeit des Fragens entwickelt, sondern auch die methodische Kompetenz zur Erarbeitung von Antworten. Die vor allem von Charles Pearce übernommene Vorgehensweise bei der Hinführung zum forschenden Lernen ist nicht einzigartig, sondern hat Vorbilder in der Projektarbeit etwa der Bielefelder  Laborschule oder im Curriculum der Praxis (i.S. von Anwendung der wissenschaftlichen Arbeitsweisen) im Entwurf von Renzulli, insgesamt auch im Critical Thinking der angelsächsischen Schulen. Näheres darüber hier 

Die Fragen erfordern verschiedene Methoden der Bearbeitung: in den Geistes-wissenschaften z.B. Text- und Quellenanalyse, vergleichende Interpretation, argumentative Auseinandersetzung (Debating), in den Sozialwissenschaften z.B.  Beobachtungen, Interviews, statistische Analyse, Modell- und Theorieanwendungen; in den Naturwissenschaften z.B. Messungen und Experimente.                       

Die Organisation des forschenden Arbeitens basiert auf den vorab vorgelegten Schülerfragen und den von den SuS beigefügten Angaben, wie sie an die Beantwortung herangehen wollen. Entsprechend diesen Vorgaben (nicht aufgrund der Zielsetzung der LuL) werden die benötigten Materialien bereit gehalten.

Die Ergebnisse des forschenden Arbeitens werden grundsätzlich von den SuS selbst in übersichtlichen  Berichtsformularen dokumentiert und für weitere Schüler der nachfolgenden Jahrgänge archiviert – denen dann auch die Aufgabe zufällt zu entscheiden, wie „richtig und falsch“ die Ergebnisse ihrer Vorgänger sind und gegebenenfalls Neufassungen zu erarbeiten. Die Materialien des Schülerarchivs bedürfen des Kritischen Denkens der SuS, die sie nutzen wollen.

Neben diesen drei Grundformen des Unterrichts steht als vierte der Projektunterricht am Nachmittag. Er fasst die Fächer zusammen, die das Ausdrucks-verhalten der SuS ausmachen: Kunst, Musik, Sport und Sprache. Grundsätzlich findet der Projektunterricht auf Englisch statt. Weitere Fachanteile kommen in Abhängigkeit vomThema hinzu.  –   Im Projektunterricht sollen Themen über einen längeren Zeitraum geführt und immer in einem Produkt zusammengefasst werden: Arbeits-/Forschungsberichte, Videos, Theateraufführung, Zeitungsartikel, Denkmäler …