Resignierte Jugendliche - Frühe Verlierer
Über depressive Tendenzen deutscher Jugendlicher, 1999

Anne Eckerle

 

In diesem Beitrag geht es um eine Problemgruppe von Jugendlichen, die bislang nicht als Gruppierung mit homogenen Merkmalen beschrieben wurde. Sie steht nicht im Blickfeld der Öffentlichkeit und wird daher bislang auch nicht von Jugendforschung und Jugendfürsorge erfaßt. Gemeint sind Jugendliche mit tendenziell depressiver Symptomatik. Der Beitrag enthält eine Beschreibung und abschließend eine Kommentierung dieser Problemgruppe.

 

Die Befragung

Im Rahmen eines international vergleichenden Forschungsprojekts haben 1996 in fünf europäischen Ländern (Deutschland: Rostock und Frankfurt am Main, Lettland: Riga, Niederlande: Rotterdam, Österreich: Graz, Tschechische Republik: Brünn) Schüler der 9. Jahrgangsstufe sowie Schüler und Auszubildende der 11. Jahrgangsstufe (in Lettland und Tschechien der 8. und 10.) einen inhaltlich identischen Fragebogen bearbeitet (Stichprobenumfang N= 5 356, davon Rostock, N= 1 161, und Frankfurt am Main, N= 836 ). Ziel war, ein differenziertes Bild zu gewinnen, wie die Jugendlichen ihre Welt erleben, was ihnen wichtig ist, in welchen Lebensbereichen sie sich gut versorgt fühlen und in welchen sie Defizite und Bedrohungen empfinden. Die Schüler konnten sich zu den Lebensbereichen Familie, Freizeit, Gruppen von Gleichaltrigen, Schule, Unterricht, Lehrer und Mitschüler, zu ihrer Stadt und ihrem Land äußern. Sie wurden auch zu ihrer eigenen Person, zu ihren Wertvorstellungen und zu politisch relevanten Einstellungen befragt. Im Kernbereich des Fragebogens gaben sie zu jedem Sachverhalt - z.B. "In meiner Schule lernt man viel" - an, wie sie ihn bewerten, wie viel sie meinen, selber dafür tun zu können, in welchem Maße er jetzt realisiert ist, wie es damit in der Vergangenheit bestellt war und was sie von der Zukunft erwarten. Alle Jugendlichen haben dabei etwa 450 mal Stellung genommen. Sie haben die Fragebögen in ihren Schul- und Berufsschulklassen unter Anleitung von geschulten Befragungsleitern bearbeitet.

Die Untersuchung ist ein Kooperationsprojekt des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung, Prof. Dr. Bernhard Kraak, und der Universität Rostock, der die Autorin angehört. In dem Beitrag von Bernhard Kraak in diesem Band werden Erläuterungen zu Theorie und Methodik des verwendeten Fragebogens gegeben.

 

Der methodische Weg zur Gruppierung nach Mentalitäten

Diskriminanzanalysen: Mit diesem Verfahren wurde überprüft, wie sich die Einteilung nach den vorgegebenen Variablen (Geschlecht, Schulform, Jahrgangsstufe, Stichprobe) aus der Varianz der Daten rekonstruieren läßt. Das Verfahren ermittelt in den Antworten der Befragten Typiken, denen die einzelnen mehr oder weniger nahekommen. Für unsere Daten ergab sich, daß nicht nur die Unterschiede zwischen Ost und West Quelle der Varianz der Daten sind, sondern daß stärker noch Schulform und Jahrgangsstufe zwischen den Befragten diskriminieren. Wir haben daher für die Auswertungen vier Untergruppen gebildet: (in der 9. Jahrgangsstufe Gymnasien und nicht-gymnasiale Schulen, in der 11. Jahrgangsstufe Gymnasien und Berufsschulen).

Clusteranalysen: Dieses Verfahren weist "Ähnlichkeitszentren", denen man die Personen zuordnen kann, aus. Diese Ähnlichkeitszentren besagen, daß Teilgruppen der Ausgangsstichprobe untereinander jeweils ähnlicher geantwortet haben (Intra-Gruppen-Vergleich) als die Mitglieder verschiedener Teilgruppen (Inter-Gruppen-Vergleich). Wir haben nach Voruntersuchungen mit hierarchischen Clusteranalysen, die wir getrennt nach den vier Untergruppen und nach Ost und West durchgeführt haben, bestimmt, daß jeweils sechs solcher Zentren gesucht werden sollten. Für diese Untersuchung haben wir die K-Means-Clusterung verwendet. Die Analysen wurden getrennt für jede der acht Teilgruppen (vier Schulformen in zwei Städten) durchgeführt, so daß schließlich 48 Cluster herausgearbeitet wurden.

Diese Cluster lassen sich überraschend klar zu drei Ähnlichkeitszentren zusammenfassen, die wir "Mentalitäten" genannt und als "Prosoziale", "Resignierte" und "Gewaltbereite" gekennzeichnet haben. Wir haben danach neue Teilstichproben gebildet, indem wir die Probanden der Cluster zusammengefaßt haben. In der Mentalitätsstichprobe sind also Jugendliche aus Ost und West, aus den beiden Jahrgangsstufen und den verschiedenen Schulformen durchmischt enthalten. Ihr gemeinsames Merkmal ist jeweils die Zugehörigkeit zu einer der Mentalitäten. (Das gleiche Verfahren wurde für die anderen europäischen Stichproben angewendet; auch hier ergaben sich die gleichen Mentalitäten.)

In dem folgenden Bericht gehe ich schwerpunktmäßig auf die Mentalität der Resignierten ein und vergleiche sie mit der der Prosozialen, um die relative Lage der mitgeteilten Werte deutlich zu machen. Dabei werden die Befragungsergebnisse nicht im Sinne einer (noch) aktuellen Information über jugendliche Befindlichkeit berichtet, sondern die strukturelle Deskription einer Typik jugendlicher Befindlichkeit in den Mittelpunkt gestellt.

 

Die Mentalität der Resignierten

Die nachstehende Tabelle gibt einen quantitativen Überblick über die Anteile der Mentalität der Resignierten im Vergleich zu den Prosozialen, aufgeschlüsselt nach Jahrgangsstufen und Geschlechtszugehörigkeit.

 

 Anteil der hier verglichenen MentalitätenAnteil der Jgst. 9 an den jeweiligen MentalitätenAnteil der Jgst. 11 an den jeweiligen MentalitätenAnteil der Jungen an den MentalitätenAnteil der Mädchen an den Mentalitäten
N Frankfurt = 735 *
Frankfurt Resignierte26 %12 %88 %47 %54 %
Frankfurt Prosoziale51 %55 %45 %50 %50 %
N Rostock = 918 *
Rostock Resignierte21 %71 %29 %59 %42 %
Rostock Prosoziale55 %41 %59 %53 %47 %
Gegenüber der Ausgangsstichprobe reduziertes N, da nicht alle Probanden auch Clustern zugewiesen wurden.

An dieser Übersicht sieht man, daß die Mentalität der Resignierten etwa ein Fünftel bis ein Viertel der Jugendlichen betrifft; sie war zum Befragungszeitpunkt in Frankfurt relativ stärker vertreten als in Rostock, eine Beobachtung, die erwartungswidrig wirken mag. Zugleich fällt auf, daß in Frankfurt vor allem die älteren Schüler die Merkmale der resignierten Mentalität aufweisen, in Rostock umgekehrt die jüngeren. Hierzu paßt, daß sich auch in der prosozialen Mentalität bei der Frankfurter Stichprobe ein günstigeres Bild für die jüngeren abzeichnet als für die älteren, das Verhältnis aber in der Rostocker Stichprobe umgekehrt ist. Zusammenfassend kann man sagen, daß sich 1996 in der Frankfurter Stichprobe eher die älteren Jugendlichen, in der Rostocker eher die jüngeren als problembelastet dargestellt haben. (Ein Rückschluß auf biografische Verläufe ist aus diesen Beobachtungen nicht möglich.)

Um zu zeigen, daß die an den deutschen Stichproben beobachteten hohen Prozent-Anteile der Mentalitäten verallgemeinerbar sind, ein kurzer Blick auf die Befunde für die weiteren europäischen Stichproben der Untersuchung:

 

Weitere europäische Stichproben (in Prozent)
 Anteil der MentalitätenAnteil der Jgst. 9 an MentalitätenAnteil der Jgst. 11 an MentalitätenAnteil der JungenAnteil der Mädchen
N Rotterdam = 735
Rotterdam Resignierte33 %47 %53 %53 %42%
Rotterdam Prosoziale53 %40 %60 %36 %46 %
N Brünn = 1129
Brünn Resignierte22 %38 %29 %64 %36 %
Brünn Prosoziale72 %62 %71 %45 %55 %
N Riga =677
Riga Resignierte20 %33 %67 %36 %64
Riga Prosoziale47 %52 %48 %37 %63 %

Anmerkung: Die Stichprobe aus Graz ist nicht mit aufgeführt, weil sie aus dem Rahmen fällt. Wir vermuten aufgrund einer Reihe von Beobachtungen, daß sie nicht repräsentativ für ihre Bezugspopulation ist.

Bezogen auf die Gesamtstichprobe der deutschen Jugendlichen haben die Mentalitäten die folgenden Anteile:

 

Gesamtstichprobe der beiden deutschen Städte N=1997
Gesamtzahl der in die Cluster aufgenommenen deutschen Jugendlichen:N=165383 % der Gesamtstichprobe
Größe der resignierten Mentalität:N= 4020 % der Gesamtstichprobe
Größe der prosozialen MentalitätN= 84542 % der Gesamtstichprobe
Größe der gewaltbereiten MentalitätN= 40720 % der Gesamtstichprobe

Für die Fragestellung dieses Aufsatzes ist von Bedeutung, daß die Mentalität der Resignierten nicht eine kleine Minderheit darstellt, sondern einen viel größeren Teil der Jugendlichen umfaßt als die so intensiv beforschte Gruppierung der Gewaltbereiten. Damit wird die Frage aufgeworfen: Was ist es, was diese Mentalität kennzeichnet? Um von da aus weiterzufragen: Was kann man tun, damit sich das ändert?

 

Merkmal: geringe Lebenszufriedenheit

Ein Merkmal der resignierten Jugendlichen ist eine geringere Lebenszufriedenheit als sie von den prosozialen berichtet wird.

 

 

Zustimmung: (Item) stimmt ... (Skala von 1 gar nicht bis 5 in sehr hohem Maß)
Zufriedenheit: Im Großen und Ganzen bin ich mit meinem Leben ...(-5 extrem unzufrieden / +5 extrem zufrieden)
StichprobeIm Großen und Ganzen bin ich mit meinem Leben zufrieden
Frankfurt Resignierte0,96
Frankfurt Prosoziale2,20
 = 1,24 Differenz
Rostock Resignierte1,42
Rostock Prosoziale2,11
 = 0,89 Differenz

Die Aussage zur Zufriedenheit kann man als eine Form der Bewertung, als Pauschalbewertung des eigenen Lebens verstehen. Bewertungen fassen immer zwei Aspekte zusammen, den des Welt- und den des Selbstbildes. Unter dem ersten Aspekt ist die Angabe der Resignierten zur Allgemeinen Zufriedenheit zu lesen als Urteil über die Welt, die den Jugendlichen nicht entgegenkommt. Unter dem zweiten Aspekt ist die Angabe zu lesen als Urteil über das Selbst, das die Angebote der Welt abweist (Ich, der Proband, bin jemand, für den es Zufriedenstellendes kaum gibt) (zu der Aspekthaftigkeit von Welt- und Selbstbildern vgl. Eckerle & Kraak, 1993).

 

Die Mentalität der Resignierten als Depressivitätssyndrom

Bewertungen konstituieren Ziele, und Ziele sind die Antriebskräfte des Handelns. Generell niedrige Bewertungen weisen auf eine Situation hin, in der diese Antriebskräfte schwach sind. Psychologisch handelt es sich um ein Depressivitätsmerkmal, um geringe Zielintensität. Diese Interpretation der niedrigen Zufriedenheitswerte erhält einige Plausibilität, wenn die Bewertungen der vorgelegten Items durch die Resignierten mit denen der Prosozialen verglichen werden. Der Summenwert über alle Bewertungen liegt erheblich niedriger. Über 79 Items, die als Ziele durchweg im positiven Bereich bewertet werden, gerechnet liegt der Summenwert für die Resignierten bei 163,54 ( Grand Mean = 2,08) versus 210,45 für die Prosozialen (Grand Mean = 2,66). Ohne die inhaltliche Struktur der einzelnen Bewertungen analysiert zu haben, kann festgestellt werden, daß der Summenwert aller Bewertungen für die Jugendlichen der resignierten Mentalität um etwa 25 % niedriger liegt als für die der prosozialen. Die Dinge der Welt und des Selbst sind für sie weniger attraktiv als für die Jugendlichen der anderen Mentalität. Die Schwäche der Bewertungen deutet auf eine Antriebsschwäche hin, die eines der zentralen Symptome einer depressiven Persönlichkeit ist.

Im folgenden führe ich die vergleichende Darstellung für die deutschen Teilstichproben Rostock und Frankfurt nicht weiter, weil in der Betrachtung und Interpretation der zu beobachtenden Unterschiede zwischen Ost und West die strukturelle Frage "Wie ist die tendenzielle Depressivität eines großen Anteils von Jugendlichen in Deutschland inhaltlich zu beschreiben?" verwischt würde. Die Unterschiede zwischen beiden Teilstichproben Ost und West sind immer wesentlich geringer als die Unterschiede zwischen den Mentalitäten.

 

Merkmal: niedrige Selbstbewertung

Für eine depressive Befindlichkeit der Jugendlichen sprechen auch ihre Äußerungen über sich selbst.

 

Gegebensein: (jetzt ist das bei mir so ...), Skala von 0 (gar nicht) bis 5 (sehr viel)
Selbstbewertung (Das ist jetzt bei mir gegeben)respro
Bei meinen Freunden gelte ich was3,313,67
Ich zeige anderen, daß ich der Stärkere bin1,871,96
In der Gruppe etwas gelten2,553,22
Selbstachtung haben3,143,74
Mein Leben sinnvoll finden3,183,76
Ich kann mich selbst gut leiden3,223,60
Andere Menschen können mich gut leiden3,313,67
Ich weiß genau, welche Ziele ich mir setzen soll3,113,46
Ich halte mich für einen Versager1,771,41
Entscheidungen überlasse ich gern denen, die mehr davon verstehen2,442,43
Lehrer, die mich ernst nehmen2,903,33

Man ersieht aus dieser Tabelle, daß die resignierten Jugendlichen in dieser Itemgruppe durchweg weniger günstig antworten als die der prosozialen Mentalität. Besonders diskrepant zwischen beiden Mentalitäten sind die Items "In der Gruppe etwas gelten", "Selbstachtung haben" und "Mein Leben sinnvoll finden". Die resignierten Jugendlichen äußern sich über ihre Person und über ihre soziale Einbindung weniger positiv als ihre als prosozial eingeordneten peers. Der stark nach unten abweichende Wert für "Lebenssinn" ergänzt den Eindruck, der aus den Angaben für Lebenszufriedenheit und Zielintensität entstanden ist. - Bemerkenswert ist die Bereitschaft der Jugendlichen beider Mentalitäten, auf eigene Entscheidungskompetenz zu verzichten; sie paßt zu Beobachtungen im Zusammenhang der hier zugrunde liegenden Studie, daß sich unter Jugendlichen in Ost und West eine breite Bewegung hin zu autoritären Einstellungen entwickelt (vgl. hierzu Eckerle 1999).

 

Merkmal: geringes Selbstvertrauen

Auch dieser Itemgruppe antworten die Jugendlichen der resignierten Mentalität ausnahmslos ungünstiger als die der prosozialen Mentalität; sie berichten ein schwächeres Selbstvertrauen. Besonders diskrepant sind die Items "Ich kann mich durchsetzen" und "Im großen und ganzen kann ich zur Erreichung meiner Ziele (viel ... gar nichts) tun".

 

Handlungsmacht: Wieviel kann ich für das Eintreten von (Item) tun? (1 gar nichts / 5 sehr viel)
Gegebensein: In welchem Maß ist (Item) jetzt bei mir gegeben? (1 gar nicht / 5 sehr viel)
Zustimmung: (Item) stimmt ... (1 stimmt gar nicht / 5 stimmt in sehr hohem Maß)
Zufriedenheit Im Großen und Ganzen bin ich mit meinem Leben ... (-5 extrem unzufrieden / +5 extrem zufrieden)
Selbstvertrauen (Das trifft zu)ResignierteProsoziale
Zustimmung: Wer sich einschüchtern läßt, ist selber schuld2,862,9
Zustimmung: Alle Schwächen und Schwierigkeiten lassen sich mit Willenskraft überwinden3,183,44
Gegebensein: Ich habe Angst, angegriffen zu werden2,522,51
Gegebensein: Ich kann mich durchsetzen3,173,57
Handlungsmacht: Unterricht, in dem ich gut mitkomme3,113,48
Handlungsmacht: Unterricht, in dem ich mich anstrengen muß3,063,24
Gegebensein: In meiner Klasse gibt es Schüler, vor denen ich Angst habe1,571,36
Gegebensein: Ich bin stark und kann mich wehren3,103,43
Gegebensein: Ich finde es schwierig, mich im Leben zurechtfinden2,552,26
Gegebensein: Ich weiß genau, was ich will3,263,64
Gegebensein: Ich erreiche immer, was ich will2,823,07
Gegebensein: Ich kann gut denken3,283,60
Gegebensein: Ich halte mich für einen Versager1,771,41
Handlungsmacht: Lehrer, die zu hohe Leistungen fordern2,562,48
Handlungsmacht: Im großen und ganzen kann ich zur Erreichung meiner Ziele (viel ... gar nichts) tun3,543,99

Das Gemeinsame dieser Items ist, daß sie auf Item-Ebene Bedingungen enthalten, die die Wirksamkeit eigenen Handelns in der Welt steigern oder reduzieren. Die geringe Attraktivität, die die Dinge der Welt aus der Sicht dieser depressiven Jugendlichen haben, schwächt die Herausforderung zum Handeln; die Überzeugung, mit dem eigenen Handeln wenig erreichen zu können (Kontrollüberzeugung), wirkt in die gleiche Richtung. Die geringe Selbstbewertung ist konsistent mit diesem Befund, sowohl als Teil wie auch als Wirkung der beobachteten Handlungsschwäche.

 

Merkmal: geringe Erwartungen für die Zukunft

Handlungsmacht und Items, die Aspekte des Könnens und Bewirkens ausdrücken, erfassen, wie veränderbar die Welt durch den Einfluß zielgerichteten Handelns ist. Davon ist die Frage nach der Zukunft zu unterscheiden; genau gefaßt meint sie: Welche Entwicklung werden - aufgrund aller kausal wirksamen Einflüsse, unter denen eigenes Handeln nur ein kleiner Teil ist - die in den Items genannten Sachverhalte im Leben des Probanden nehmen,? Hier geht es der Sache nach um Antizipation von Entwicklung, der Mentalität nach um Optimismus oder Pessimismus. Wie verhalten sich die Resignierten in dieser Hinsicht? Konsistent mit den berichteten Beobachtungen wäre eine pessimistische Einschätzung, unabhängig von den wechselnden Inhalten der Items.

Diese Erwartung wird von den Daten bestätigt. Der Summenwert über die 45 Items, bei denen nach der zukünftigen Entwicklung gefragt wurde, beträgt für die Prosozialen 148,38 (Grand Mean = 3,29), für die Resignierten weniger, nämlich 136,11 (3,02). Die Zahlen zur sogenannten biografischen Tendenz geben hierzu Anschauungsmaterial; deshalb wird hier auf eine gesonderte Tabelle verzichtet.

 

Merkmal: Ungünstige biografische Tendenz

Mit biografischer Tendenz bezeichnen wir die Sequenz von Äußerungen zum Gegebensein eines Sachverhalts vor 5 Jahren, zum gegenwärtigen Zeitpunkt und in absehbarer Zukunft. Dabei ist es wichtig, sich klar zu machen, daß bei der Untersuchung zur Subjektiven Befindlichkeit - wie der Titel auch aussagt - keine Angaben zur Realität erhoben werden. Auch die Mitteilungen der Jugendlichen über das Gegebensein eines Sachverhalts zum gegenwärtigen Zeitpunkt beruht ja auf Interpretation im Zusammenhang mit einem Bezugssystem; ob Schüler einer Schule miteinander freundlich umgehen, wird von Jugendlichen verschieden beurteilt werden, je nachdem, welche Kriterien sie setzen und wie sie individuell betroffen sind. - Die Angaben zur Vergangenheit sind Urteile, die insbesondere bei den Jüngeren gesellschaftlich vermittelt, nicht aber aus eigener Erfahrung erwachsen sind; für die Erwartungen an die Zukunft gilt Entsprechendes. Der Interpretationsgehalt und der mittelbare Charakter der Urteile besagt aber nicht, daß sie nicht handlungswirksam sind. Die Befindlichkeit eines Jugendlichen, der in dem Bewußtsein lebt, aus einer glücklicheren Vergangenheit in eine chancenlose Zukunft hineinzuwachsen, gibt zu anderen Plänen und Handlungen Anlaß als die Befindlichkeit eines anderen, der eine Steigerung seiner Lebensverhältnisse in der Gegenwart erlebt und für die Zukunft eine im großen und ganzen positive Tendenz unterstellt - ob einer von beiden oder beide Jugendliche mit einer zu erhebenden objektiven Realität in Übereinstimmung stehen, ist dabei unerheblich.

Ich habe erwartet, daß die Jugendlichen mit depressiver Mentalität eine ungünstigere biografische Tendenz erkennen lassen als die mit prosozialer Mentalität. In den nachfolgenden Tabellen werden die Daten nur in exemplarischer Itemauswahl berichtet, in getrennten Tabellen für die Mentalität der Resignierten und für die der Prosozialen. Wenn die Zeilen quer gelesen werden, ergibt sich für jedes Item die Folge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

 

Vor 5 Jahren: In welchem Maß war (Item) vor 5 Jahren bei mir gegeben? (1 gar nicht / 5 sehr viel)
Gegebensein: In welchem Maß ist (Item) jetzt bei mir gegeben? (1 gar nicht / 5 sehr viel)
Zukunft: In welchem Maß wird (Item) in Zukunft bei mir gegeben sein? (1 gar nicht / 5 sehr viel)
Angaben der ResigniertenVor 5 JahrenGegebenseinZukunft
Ausbildungsmöglichkeiten3,202,502,86
Soziale Gerechtigkeit2,912,432,73
Konkurrenz in der Gesellschaft2,613,193,47
Umgangston der Schüler3,022,913,08
Schüler-Lehrer-Verhältnis2,952,843,02
Mitkommen im Unterricht3,253,113,35
Anstrengung im Unterricht2,903,063,35
Zusammenarbeit mit Schülern2,792,582,95
ProsozialeVor 5 JahrenGegebenseinZukunft
Ausbildungsmöglichkeiten3,462,75 
Soziale Gerechtigkeit3,202,593,07
Konkurrenz in der Gesellschaft2,563,212,87
Umgangston der Schüler3,343,103,82
Schüler-Lehrer-Verhältnis3,243,123,31
Mitkommen im Unterricht3,673,483,33
Anstrengung im Unterricht2,803,243,73
Zusammenarbeit mit Schülern2,982,803,56

Aus diesen Tabellen geht hervor, daß - erwartungswidrig - die Struktur des biografischen Erlebens bei Jugendlichen der prosozialen und der resignierten Mentalität identisch ist, daß die Werte der resignierten aber auf niedrigerem Niveau liegen. Die Jugendlichen berichten bei gesellschaftlich bedingten Sachverhalten, so bei "Ausbildungsmöglichkeiten", "Soziale Gerechtigkeit", "Konkurrenz in der Gesellschaft", einen Verlust, der auch nicht im Rahmen von positiven Zukunftserwartungen ausgeglichen wird. - Vom Jetzt auf die zurückliegenden Jahre blickend geben die Jugendlichen vor allem Verluste im schulischen Bereich an: Der Umgangston unter den Schülern ist schlechter geworden, ebenso das Verhältnis zu Lehrern; im Unterricht kommen sie weniger gut mit, strengen sich aber gleichzeitig mehr an, die Zusammenarbeit mit anderen Schülern hat abgenommen.

Ein methodisches Problem könnte darin liegen, daß die Jugendlichen der resignierten Mentalität in den Stichproben Rostock und Frankfurt am Main schwerpunktmäßig in verschiedenen Jahrgangsstufen vertreten sind. Verdeckt womöglich die Zusammenfassung dieser Stichproben Unterschiede, die in den Teilstichproben enthalten sind? Ich habe diese Möglichkeit überprüft; die Teilstichproben führen zu dem gleichen Ergebnis wie die zusammengefaßten Mentalitäten, daß nämlich die Struktur der biografischen Tendenz gleich und lediglich das Niveau der Antworten zwischen beiden Mentalitäten verschieden ist.

 

Exkurs

Methodologisch wirft die Frage nach der Strukturgleichheit des biografischen Erlebens, bei Unterschieden lediglich im Niveau der Mittelwerte, die Frage auf, ob nicht die Gruppe der Resignierten ein Artefakt sei, also eine lediglich durch statistische Verfahren angezeigte Gruppierung, die vielleicht nur einen anderen, zurückhaltenderen Gebrauch von den Antwortskalen gemacht hat und daher generell niedriger liegt als die anderen Gruppierungen. Dieser Verdacht bestätigt sich nicht; die Angaben zu Items verschränken sich in ihrer Tendenz, werden also zum Beispiel für die Resignierten höher als für die Prosozioalen, wenn die Inhalte es entsprechend erwarten lassen. Beispiele hierfür finden sich in den vorangehenden und nachfolgenden Tabellen. Um diese Beobachtung weiter anschaulich zu machen, habe ich
  • Items ausgewählt, die stärker als andere auf Beobachtung denn auf Interpretation zielen (erster Block der nachfolgenden Tabelle); bei diesen Items liegen die Werte beider Mentalitäten dicht zusammen;
  • zum Vergleich ein Item aufgenommen, das interpretationsabhängig und typisch für die bisher berichteten Antworten der Jugendlichen mit resignierter Mentalität ist; hier findet sich das deutlich niedrigere Antwortniveau der resignierten Mentalität;
  • im zweiten Block schließlich einige Items aus dem Fragebogenbereich Gewaltbereitschaft hinzugefügt, um deutlich zu machen, daß die Antworttendenz sich auch tatsächlich umkehrt, wenn das aufgrund der Annahmen über die Typik depressiver Verhaltensweisen zu erwarten ist (hier: Ambivalenz von Depressiven zwischen Leiden und Aggressivität).

 

Gegebensein: In welchem Maß ist (Item) jetzt bei mir gegeben? (1 gar nicht / 5 sehr viel)
Gesamt Rostock und Frankfurt. Alle Mentalitäten, davonResignierteProsoziale
In meiner Stadt ist das Verhältnis zwischen den Menschen gespannt2,902,97
In meiner Stadt gibt es Jugendgruppen, die sich bekämpfen2,923,13
In meiner Stadt kann man sich sicher fühlen2,512,53
In meiner Schule ist es ordentlich2,842,94
In meiner Schule sind die Schüler diszipliniert2,732,79
In meiner Klasse: Schüler greifen andere an2,052,07
In meiner Klasse: Schüler arbeiten bei den Lehrern gegen andere Schüler1,821,79
In meiner Klasse gibt es Schüler, die sich um andere nicht kümmern2,352,36
Bei meinen Freunden gelte ich was3,313,76
Ich habe Angst, angegriffen zu werden2,522,51
Ich gebrauche die Fäuste, wenn mir einer querkommt1,841,74
Manchmal macht mir Gewalt Spaß macht1,641,48
Manchmal weiß ich keinen anderen Weg als Gewalt1,771,72

Aus solchen Daten geht hervor, daß die niedrigeren Werte der Antworten der resignierten Mentalität eine Basis in den Absichten der Probanden haben und nicht lediglich als Antworttendenz im statistischen Sinn zu verstehen sind.

 

Merkmal: Neigung zu autoritärer Einstellung?

Weiter oben wurde erwähnt, daß wir im Rahmen der "Untersuchung zur subjektiven Befindlichkeit von Jugendlichen im innerdeutschen und europäischen Ost-West-Vergleich" eine Tendenz der Jugendlichen zu autoritären und antidemokratischen Einstellungen beobachtet haben. Die Frage stellt sich, ob die Jugendlichen der resignierten Mentalität in diesem Kontext auffällig sind. Neigen sie zur Gefolgschaft, zur Ausgrenzung Andersdenkender, zu rigiden politischen Lösungen? Sind sie Vertreter von Ordnungstugenden oder stehen sie den Ordnungsverletzern, den Gewalttätigen, von denen so viel die Rede ist, näher?

 

Bewertung: Wie fände ich das, wenn (Item) so wäre? (-5 extrem schlecht / +5 extrem gut)
Zustimmung: Zustimmung: (Item) stimmt ... (1 stimmt gar nicht / 5 stimmt in sehr hohem Maß)
Gegebensein: In welchem Maß ist (Item) jetzt bei mir gegeben? (1 gar nicht / 5 sehr viel)
Items aus den Bereichen Autoritarismus und GewaltbereitschaftResignierteProsoziale
Zustimmung: Niemand kann sich bei uns mehr sicher fühlen3,132,99
Zustimmung: Ausländer sollten bei uns keine Zuflucht finden, solange es bei uns vielen schlecht geht2,612,31
Zustimmung: Die Welt ist ungerecht3,443,47
Zustimmung: Was unser Volk vor allem braucht, sind mutige und entschiedene politische Führer, denen sich das Volk anvertrauen kann3,093,21
Zustimmung: Das Problem mit der Demokratie ist, daß viele Menschen zu dumm dafür sind oder verrückte Ideen haben2,832,87
Zustimmung: Schwerverbrecher müssen hart bestraft werden Zustimmung: Viele soziale Probleme kommen daher, daß zu viele Menschen unter uns sind, die der Gesellschaft keinen Nutzen bringen2,722,62
Zustimmung: Heutzutage, wo die Menschen durcheinander gemischt werden, muß man immer auf der Hut sein2,682,59
Zustimmung: Heute wird viel zu viel in Frage gestellt - man sollte für alle klarmachen, was richtig und was falsch ist2,892,95
Gegebensein: Mich in meiner privaten Umgebung geborgen fühlen3,363,93
Gegebensein: Ein gutes Zusammenleben mit der Familie3,283,84
Gegebensein: Meine Eltern haben Zeit für mich3,053,53
Gegebensein: Meine Eltern stehen zu mir, wenn ich das brauche3,394,02
Gegebensein: Ich kann mich selbst gut leiden3,313,67
Gegebensein: Ich habe Schwierigkeiten, mich im Leben zurechtzufinden2,552,26
Gegebensein: Ich erreiche immer, was ich will2,823,07
Gegebensein: Ich kann gut denken3,283,60
Gegebensein: Entscheidungen überlasse ich gern denen, die mehr davon verstehen2,442,43
Gegebensein: Bei meinen Freunden gelte ich was3,313,76
Gegebensein: Ich fühle mich angegeriffen2,522,51
Gegebensein: Für meine Ziele setze ich mich auch mit Gewalt ein1,991,84
Gegebensein: Ich versuche, dafür zu sorgen, daß niemand Gewalt anwendet2,833,00
Gegebensein: Wenn es zu Gewalttätigkeiten kommt, gehe ich fort2,492,52
Gegebensein: Manchmal macht mir Gewalt Spaß1,641,48
Gegebensein: Ich gebrauche die Fäuste, wenn mir einer querkommt1,841,74
Gegebensein: Manchmal weiß ich keinen anderen Weg als Gewalt1,771,72
Bewertung: bescheiden1,421,74
Bewertung: entschlußfreudig2,072,50
Bewertung: ordentlich1,862,03
Bewertung: tolerant2,372,80
Bewertung: Pünktlich2,112,37
Bewertung: Die eigenen Interessen ernst nehmen2,502,88
Bewertung: Bereit, sich unterzuordnen0,650,74
Bewertung: Ausländische Kinder und Jugendliche akzeptieren2,543,13
Bewertung: Nachdenken, ob das, was andere sagen, auch richtig ist2,392,95

Aus einer Menge von etwa 20 Items zum Autoritarismus hat sich im Rahmen der Hauptuntersuchung eines als geeignet erwiesen, Indikator-Funktionen für die übrigen zu übernehmen; wenn das Item "Was unser Volk vor allem braucht, sind mutige und entschiedene politische Führer, denen sich das Volk anvertrauen kann" hohe Zustimmung findet, dann liegen auch die Werte der anderen Items, die Autoritarismus anzeigen sollen, tendenziell hoch (In den hierzu durchgeführten Faktorenanalysen der Teilstichprobe mit autoritären Einstellungen gibt es, das sei hier am Rande erwähnt, keine Überschneidungen zwischen Items, die die autoritären Einstellungen messen, und solchen zur Gewaltbereitschaft; dazu näheres in Eckerle 1998). In der Gesamtstichprobe haben (1996) 79 % der Jugendlichen mit einer der drei höchsten Skalenstufen dem Item zugestimmt, 23 % mit der höchsten Stufe (Mittelwerte für Rostock m=3,41 und für Frankfurt m=3,10). Aus dieser Perspektive kann man sagen, daß die Jugendlichen der resignierten Mentalität sehr zurückhaltend Stellung genommen haben. Auch weitere Items weisen darauf hin, daß den Resignierten die für autoritäre Einstellungen typische Rigidität fehlt (z.B nur niedrige Zustimmung zu: "Schwerverbrecher müssen hart bestraft werden" oder zu "Heute wird viel zu viel in Frage gestellt - man sollte für alle klarmachen, was richtig und was falsch ist".)

Auch ein weiteres Merkmal autoritärer Einstellungen findet sich nicht bei den Jugendlichen der resignierten Mentalität: eine hohe Zustimmung zu Ordnungstugenden. Die Resignierten liegen durchweg deutlich unter den Werten der Prosozialen.

Nur tendenziell ist eine Einstellung des Ausgrenzens erkennbar, etwa gegenüber Ausländern "Ausländische Kinder und Jugendliche akzeptieren", aber auch gegenüber den "Unnützen" ("Viele soziale Probleme kommen daher, daß zu viele Menschen unter uns sind, die der Gesellschaft keinen Nutzen bringen").

Deutlich wird dagegen ein anderes Merkmal autoritärer Einstellungen. Die Resignierten berichten über Unsicherheiten

  • als Person in der Gesellschaft (z.B. hohe Zustimmung zu "Niemand kann sich bei uns noch sicher fühlen");
  • als materielle Bedrohung (z.B. hohe Zustimmung zu "Ausländer sollten bei uns keine Zuflucht finden, solange es bei uns vielen schlecht geht");
  • in persönlicher Hinsicht (z.B. niedrige Zustimmung zu "Mich in meiner privaten Umgebung geborgen fühlen"; "Ein gutes Zusammenleben in der Familie").
Diese Empfindungen von Unsicherheit führen aber offenbar bei dieser Mentalität nicht kompensatorisch zu Autoritätszuschreibungen an Führung, sondern wirken sich als Ambivalenz von (leicht erhöhter) Gewaltbereitschaft einerseits und Anpassungsbereitschaft andererseits aus. Allen Formulierungen zu Gewaltbereitschaft wird im Vergleich zu den Prosozialen etwas höher zugestimmt (z.B. Manchmal macht mir Gewalt Spaß); Anpassungsbereitschaft ist etwa als niedrige Zustimmung zu "Die eigenen Interessen ernst nehmen" erkennbar, nicht aber als Bereitschaft zur Unterordnung oder zur Aufgabe eigenen Entscheidens.

Die beobachtete Ambivalenz ist kein statistischer Artefakt, der etwa aus geschlechtsspezifischer Verteilung resultieren könnte: die Jungen als Gewaltbereite, die Mädchen als Anpassungsbereite. Eine Aufteilung nach Jungen und Mädchen ergibt, daß die Jungen deutlich gewaltbereiter sind und die Mädchen sich stärker angegriffen fühlen; Anpassungsbereitschaft ist aber ausnahmslos, wenn auch mit nicht eindrucksvollen Unterschieden, von Mädchen weniger berichtet worden als von Jungen. (Das ist eine auffällige und befriedigende Beobachtung. Die Mittelwerte der Mädchen sind allerdings für die Teilstichproben Frankfurt und Rostock polarisiert; in Frankfurt liegen sie zum Teil deutlich über denen der Jungen, in Rostock zum Teil deutlich darunter, auch das ist angesichts einer positiven Tradition weiblicher Berufstätigkeit erwartungswidrig.)

 

Bewertung: Wie fände ich das, wenn (Item) so wäre? (-5 extrem schlecht / +5 extrem gut)
Items zu Anpassungs- bzw. GewaltbereitschaftWeiblichMännlich
GesamtRoFraGesamtRoFra
Bereit, sich unterzuordnen0,610,900,370,700,930,37
Selbstlos1,011,100,931,261,381,09
Die eigenen Interessen ernst nehmen2,522,402,622,492,482,50
Bereit, sich für eigene Ziele einzusetzen2,712,422,962,622,622,62
Ich gebrauche die Fäuste, wenn mir einer querkommt1,621,601,632,041,932,19
Manchmal macht mir Gewalt Spaß1,381,261,481,871,791,97
 
 

Kommentierung der resignierten Mentalität

Die betroffenen Jugendlichen machen nicht auf sich aufmerksam, denn Unauffälligkeit ist konstitutiv für ihre Mentalität. Daß es gleichwohl wichtig ist, sie zu beachten, geht aus zwei Merkmalen hervor: Sie sind gefährdet, und sie sind viele.

Etwa 20 Prozent der Jugendlichen in Deutschland unterscheiden sich von dem Wunschbild eines sozial integrierten Jugendlichen, der mit sich selbst und den Anforderungen seines Lebens gut zurechtkommt, darin, daß sie

  • mit ihrem Leben unzufrieden sind;
  • die Dinge der Welt wenig attraktiv finden;
  • die eigene Person gering bewerten;
  • wenig Selbstvertrauen haben;
  • geringe Handlungsmacht erleben;
  • von ihrer Zukunft wenig erwarten;
  • Unsicherheit in gesellschaftlicher und persönlicher Hinsicht erleben.
Warum sind sie gefährdet?

Die diskriminierenden Merkmale dieser Stichprobe mit resignierter Mentalität, der Early Loser, sind identisch mit den Bedingungen, die Erziehung ausformen soll, damit junge Menschen die Dynamik, Flexibilität und Selbstkompetenz gewinnen, die für die Arbeitswelt in der Informationsgesellschaft gebraucht werden, die aber auch bereits traditionell, als persönliche Autonomie zusammengefaßt, Bildungsziele begründet haben. Bildung und Erziehung sind in einem epochalen Prozeß der Umbewertung begriffen, fort von kanonisiertem Wissen als Erziehungsziel, hin zu curricularem Wissen als Medium der Entwicklung von personaler Kompetenz. Die Jugendlichen der resignierten Mentalität sind frühe Verlierer, weil sie die persönlichen Voraussetzungen für den Erfolg dieses schulischen Bildungsprozesses entweder bereits verloren haben oder nie entwickeln konnten. Es ist hier nicht der Ort, um die Bildungstheorie des selbständig lebenslang Lernenden zu entwickeln; sie ist in der bildungspolitischen Diskussion der zurückliegenden zehn Jahre vielfach beschrieben worden (vgl. das zusammenfassende Gutachten für die Bundesregierung von Günther Dohmen, 1997: Lebenslanges Lernen).

Mir kommt es auf die Frage an, was zu tun ist. Die öffentliche Aufmerksamkeit folgt den öffentlichen Ärgernissen. Die Welle der jugendlichen Gewaltbereitschaft hat erhebliche Fördermittel für Jugendliche und Forschungsmittel für Jugendforschung herausgefordert. Rechtsradikalen und Drogensüchtigen gehört das Interesse einer lese- und zuschaubereiten Öffentlichkeit. Um nicht mißverstanden zu werden: zu Recht. Aber die Prävention, die Verhinderung der Ausgangsbedingungen für diese Übel, muß und kann nur eine gelingende Erziehung zu Selbstvertrauen und Handlungskompetenz sein, die im Sinne eines Dennoch gegen vorliegende Hindernisse ermöglicht wird. Unterstützung braucht demnach nicht (nur) die Intervention bei mißlingender Erziehung, sondern vor allem die Erziehungsarbeit im breiten Feld.

Es ist eine ungute Gewohnheit, daß Probleme von Jugendlichen in der Regel von der Meta-Ebene der Jugendarbeit aus, vor allem von Wissenschaftlern der Sozialpädagogik, berichtet, von der öffentlichen Meinung und ihren Promotern aufgegriffen, und dann mit Aufgabenzuschreibungen und mit hohen Summen an eben die Metaebene zurückverwiesen werden. Was not tut, ist eine objektive Analyse und Überprüfung von bloß plausiblen Theorien. So wissen wir inzwischen, daß die Prognose für die Stichprobe der Gewalt ausübenden Jugendlichen günstig ist; sie arrangieren sich nicht nur später, sondern auch ihre gegenwärtige Lebenssituation ist keineswegs beunruhigend: In unserer Untersuchung hat die Mentalität der Gewaltbereiten einen Anteil von 20 Prozent; wir haben ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen gefunden; diese Jugendlichen sind mehrheitlich sozial erfolgreich und leben gut mit ihren Familien zusammen. Die Interventionsprogramme der staatlichen und freien Träger sind an diesen Bedingungen überwiegend vorbeigegangen.

Auch hier um der Eindeutigkeit willen: Das gilt nicht für die viel kleinere Stichprobe von Kindern und Jugendlichen, die aufgrund genetischer Belastung oder sozialer Benachteiligung Symptome von Gewalttätigkeit zeigen; sie bedürfen der sozialpädagogischen Hilfe und gegebenenfalls einer sonderpädagogischen Förderung. Das Problem liegt darin, daß diese Symptomatik mit dem etwa 1980 einsetzenden Trend zu gruppengebundener Gewalttätigkeit vermengt wird.

Die "Entdeckung" der Early Loser besagt im wesentlichen folgendes: Unterhalb des Optimums gibt es Jugendliche, denen es schlechter geht. Das wissen wir auch ohne Forschung. Aber: Die Merkmale, mit denen dieses "Schlechter" zu beschreiben ist, sind nur bei einem Teil gestreut (in unserer Stichprobe entspricht dem der Teil der Jugendlichen, die keinem der Cluster zugeordnet wurden). Die anderen Jugendlichen weichen nicht mal bei dem einen Merkmal, mal bei dem anderen von diesem Optimum ab, sondern die Merkmale der resignierten und der gewaltbereiten Mentalität sind ein Syndrom, ein in sich strukturierter Zusammenhang von Persönlichkeitseigenschaften. Diese Jugendlichen bilden eine homogene Stichprobe und bieten daher auch Ansatzpunkte für alle die, die im Rahmen von Bildung und Erziehung professionell mit Jugendlichen arbeiten und sich dabei von dem Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung und deren Beobachtung in der Erfahrung leiten lassen wollen. Das ist eine Chance, die mit dieser Beschreibung unterstützt werden soll.

 

Literatur

  • Eckerle, Gudrun-Anne (1998) Antidemokratische Einstellungen von Jugendlichen. In: Pädagogisches Handeln, 1998, Heft 3. Auch: Homepage des Instituts für Schulpädagogik der Universität Rostock
  • Eckerle, Gudrun-Anne & Kraak, Bernhard (1993) Selbst- und Weltbilder von Schülern und Lehrern. Göttingen, Hogrefe
  • Dohmen, Günther, 1997. Lebenslanges Lernen. Gutachten für die Bundesregierung
  • Grundlegende Literatur zur Methodik des Fragebogens vgl. den Beitrag von Bernhard Kraak in diesem Band
  • Rosenthal, R & Rubin, D.B. (1994) The counternull value of an effect size: A new statistic. Psychological Science, 5, 329 - 334