Denkschrift zu Gewalt und Rechtsextremismus

Anne Eckerle und Bernhard Kraak, 2001

 

Vorwort

Informationen suchen sich ihre Kondensationskerne, um zu Botschaften zu werden, so wie der Wasserdampf nur an Staubpartikeln zu Regen wird. Etwa wird die Information "Grölende, glatzköpfige Jugendliche schlagen Ausländer" am Kondensationskern Nationalsozialismus zu der Botschaft "Das sind Rechtsradikale, und rechtsradikal ist, was wir schon mal hatten". - Nun ist die Verbindung zwischen nationalsozialistischer Katastrophe und den grölenden Schlägern von heute im Bewußtsein der Öffentlichkeit, und jeder weiß ohne lange Erklärung, daß hier mit allen Mitteln gegenzuhalten ist. Aber: Sind die "Glatzen" Nazis?

Vereinfachen und Verknüpfen sind die Wege der öffentlichen Meinungsbildung, sei es durch Medien, sei es durch Politik. Eine ambivalente Strategie. So sehr sie das Verstehen und das Engagement anregen kann, so sehr birgt sie doch auch die Gefahr, daß die vorgenommene Verkürzung zu Informationsverlusten und Aufmerksamkeitslenkungen führen, die das, worauf es ankommt, das Handeln in der Realität, behindern. Vereinfachungen graben der Wahrnehmung Gräben, in denen man sich mit den Vielen auf dem richtigen Weg weiß. Was macht man aber dann mit dem Engagement gegen Rechts, wenn die Maßnahmen, die aus der vereinfachenden Diagnose folgen, in der Realität wirkungslos bleiben?

Ein anderes Beispiel für Vereinfachung ist das öffentliche Wissen "Die Verlierer der gesellschaftlichen Entwicklung reagieren auf ihre miesen Lebensumstände mit Gewalt". Auch hier wird die Grenze zwischen Vereinfachung und Irrtum überschritten. Aber die tradierten kulturkritischen Haltungen, seit der Jugendbewegung immer wieder düster gegen die Modernisierung gerichtet und heute Bildungsbesitz der Älteren, setzen Plausibilitäten in Gang, die es für Forscher und Öffentlichkeit überflüssig erscheinen lassen, nach empirischer Evidenz zu fragen.

Der folgende knappe Bericht über die Forschungsergebnisse einer europäischen Jugendstudie ist angeregt durch diese Kritik. Er ist für sich keine Antwort auf die offene Frage nach der zutreffenden Diagnose, er scheint aber hinreichend, um die geäußerten Zweifel, daß wir sie bereits geleistet hätten, zu begründen. In diesem Sinn sollte er eine stärkere Hinwendung zur Realität, zur Prüfung unserer Plausibilitäten herausfordern, damit wir einer bedrückenden Situation besser als bisher begegnen können. Diese Jugendlichen, die uns beunruhigen, gehören zu uns. Wir sind für sie verantwortlich. Es geht nicht an, daß wir diese Zuständigkeit damit abtun, daß wir sie stigmatisieren und für uns die politische Moral der Guten beschwören. - Daher folgen dem Bericht über Forschungsergebnisse (Teil 1) Vorschläge zum Handeln (Teil 2).


Ergebnisse, die von allgemein geteilten Annahmen abweichen, im Überblick

  1. Gewalttätigkeit von Jugendlichen und rechte Einstellungen stehen in einem nicht umkehrbaren Zusammenhang: Unter den Gewalttätigen gibt es einen erhöhten Anteil an rechten Einstellungen. Aber: Zwischen rechten Einstellungen von Jugendlichen und Gewalttätigkeit gibt es keinen oder einen negativen Zusammenhang; unter den rechtsgerichteten Jugendlichen gibt es nicht mehr Gewalttätige als in dem untersuchten Gesamt der Jugendlichen (5 500 in fünf europäischen Ländern).
  2. Die rechts gerichteten, nicht schlagenden (wir sagen: antidemokratischen) Jugendlichen sind bisher als gesellschaftliche Problemgruppe nicht beschrieben. Ihre Zahl übersteigt bei weitem die der gewalttätigen; es ist zu befürchten, daß sie Erwachsenen wegen ihrer Angepaßtheit eher positiv auffallen; und daß sie zu der billigend zuschauenden Mehrheit gehören, die den Erfolg von ausländerfeindlichen Schlägern unterstützt.
  3. Die gewalttätigen Jugendlichen sind nicht identisch mit jenen, die sozial depriviert sind. Die Beobachtungen zeigen, daß sie sowohl nach ihren materiellen als auch nach ihren sozialen Lebensverhältnissen im Mittelfeld liegen, und das heißt: weit oberhalb einer sich deutlich darstellenden Teilgruppe von Jugendlichen, die unter beiden Gesichtspunkten schlecht versorgt sind.
  4. Jugendliche, denen es gut geht, aber auch jene, die depriviert sind, und jene, die gewalttätig sind, zeigen einen deutlichen Zukunftsoptimismus. Die breite Tendenz jugendlicher Einstellungen ist unvereinbar mit dem "No future" -Slogan, der eher auf die kulturkritische und von wirtschaftlicher Rezession bedrückten älteren Generation zutrifft.

 

Das Wichtigste über die Untersuchung

Die zu berichtenden Forschungsergebnisse stammen aus einem Gemeinschaftsprojekt von sechs europäischen Forschungseinrichtungen. Beteiligt waren die Universitäten Utrecht (Dr. Wilma Vollebergh), Salzburg (Prof. Dr. Volker Krumm, Dr. Günther Grogger), Brünn (Dipl.Psych. Ivona Kupska) , Riga (Prof. Dr. Aosma Spona), Rostock (Prof. Dr. Gudrun-Anne Eckerle) und das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt am Main, Prof. Dr. Bernhard Kraak). Das Projekt wurde angeregt von den beiden deutschen Einrichtungen, die auch die Leitung und Koordination übernahmen.

An der Untersuchung haben rund 5 500 Jugendliche aus Rostock, Frankfurt am Main, Rotterdam, Graz, Brünn und Riga teilgenommen. Sie wurden über ihre Schulen/Berufsschulen (Jahrgangsstufen 9 und 11) erfaßt. Die Befragungen wurden 1995 und 1996 durchgeführt. Die Untersuchung wird im Jahr 2002 in Deutschland wiederholt.

Die Stichprobe aus Riga wird nur im Daten-Anhang einbezogen. Die überaus hohen Werte für Gewaltbereitschaft bedürfen zur Interpretation der genaueren Analyse der besonderen sozialen und politischen Verhältnisse in Riga, die von den mitteleuropäischen abweichen. Eine unreflektierte Einbeziehung in die Gesamtstichprobe würde deren Tendenz verändern.

Methodisch handelt es sich um eine Fragebogenerhebung. Dabei ist wichtig, daß sich der Untersuchungsinhalt nicht auf Gewalt und Rechtsextremismus beschränkt hat; zum Einsatz kam ein umfassendes Persönlichkeitsinventar, das dieses Untersuchungsziel mit berücksichtigte, es aber in den weiten Kontext der gesamten jugendlichen Lebenssituation einbaute. Die Ergebnisse sind also nicht als Prüfung von Hypothesen, denen entsprechend zuvor der Fragebogen gestaltet wurde, zustande gekommen, sondern sie wurden in der statistischen Analyse einer sehr großen Datenmenge über jugendliche Lebenssituationen herausgearbeitet. Wir erklären uns die von anderen deutschen Gewaltstudien abweichenden Ergebnisse mit dieser Sachlage. Hypothesengeleitete Untersuchungen fragen nach dem, was vermutet wird. Sie können viel oder wenig Übereinstimmung mit den Vermutungen erbringen, sie können aber nur sehr begrenzt auf andere Vermutungen, die nicht erwogen wurden, führen.

Zum Verständnis des folgenden Berichts noch ein Hinweis: Mehrfach wird auf drei Mentalitäten hingewiesen. Dabei handelt es sich um statistisch ermittelte Teilstichproben (Diskriminanz- und Clusteranalysen), die sich in allen europäischen Stichproben sehr ähnlich sind. Wir haben sie Mentalitäten genannt. Die Jugendlichen einer Mentalität haben bestimmte Tendenzen über alle Lebensbereiche gemeinsam. In Interpretation dieser allgemeinen Tendenzen wurden sie als Gewaltbereite, als Resignierte und als Prosoziale Mentalität bezeichnet. Die Gewaltbereite Mentalität zum Beispiel ist insofern von den "nur" gewalttätigen Jugendlichen zu unterscheiden, als sie neben den hohen Werten bei Gewalt-Items einen weiten Bereich von gemeinsamen Einstellungen aufweist - etwa starke Gruppenbindung, geringe Bewertung von Schule, Abwertung von Ausländern, ausgeprägtes Selbstwertgefühl.

 

Teil 1: Hinweise zur Diagnose

Hinweise zur Diagnose von Gewalt und Rechtsextremismus aus den Ergebnissen eines Forschungsprojekts

Damit Teil 1 ohne viel Mühe gelesen werden kann, wurden die Datenübersichten in den Anhang genommen. Wer Ausführlicheres lesen will, findet Materialien in der Homepage des Instituts für Schulpädagogik der Universität Rostock
 

Zu Ergebnis 1

Die Unterscheidung von gewalttätigen und antidemokratischen Jugendlichen

"Rechts" sein beschränkt sich nicht auf Ausländerfeindlichkeit und Gewaltbereitschaft. Mit den Begriffen "Rechts" "Rechtsextremismus", "Rechtsradikalismus" werden weitere Einstellungen und Verhaltensweisen mitgedacht, die Entscheidungs- und Durchsetzungsformen des Staates, Sichtweisen des eigenen Volkes und anderer Völker sowie das Verhältnis von Individuum und Kollektiv betreffen (vgl. Material 2 im Anhang). Die historische Zeit, mit der für uns Deutsche der Begriff Rechtsextremismus unabtrennbar assoziiert ist, ist die des Nationalsozialismus. Betrachten wir, in welcher Form die genannten Einstellungen und Verhaltensweisen damals in Erscheinung traten, dann fällt auf, daß sie auf zwei verschiedene Personengruppen aufgeteilt werden müssen:
  • auf eine, die rüde und gewalttätig braune Ideologie und Politik auf der Straße umsetzte, im Auftrag oder mit Billigung regionaler Parteigruppierungen bis hin zur Parteiführung; Gewalt und Ausländerfeindlichkeit bzw. damals Rassismus waren die Merkmale dieser Gruppe;
  • auf eine weitere, die keineswegs gewalttätig auftrat, sondern (sehr pauschal auf die Tendenz der Massen hin beschrieben) kleinbürgerlich geordnet darauf achtete, daß andere und sie selbst sich "anständig" verhielten, die Juden und andere angeblich minderwertige Menschen in Verdacht nahm und Volk, Führer und Vaterland ehrte. Eine positive Einstellung zu einem autoritären Staat, Duldung des Straßenterrors und Unterordnung der bürgerlichen Rechte unter die obrigkeitliche Macht, die Verherrlichung des eigenen Volkes zu Lasten der Wertschätzung fremder - das waren die Merkmale dieser Gruppe;
Was bedeutet, wenn diese Aufteilung von Einstellungen und Verhaltensweisen einbezogen wird, der Begriff Rechtsradikalismus? Trifft er auf die erste oder die zweite Gruppe zu? Oder handelt es sich nicht vielmehr um einen Begriff, der nur auf das Miteinander von Schlägern und antidemokratischer schweigender Mehrheit angewendet werden sollte?

Das historische Muster der Diskrepanz zwischen den Merkmalen, die zusammengenommen Rechtsradikalismus konstituieren, finden wir auch zwischen den Jugendlichen, die wir untersucht haben. Eine kleinere Gruppe ist gewalttätig und ausländerfeindlich; eine deutlich größere ist autoritär oder antidemokratisch. Einige nähere Hinweise hierzu (Zahlenmaterial vgl. Tabellen 1 a und 1 b, Anhang):

  • Forderungen nach autoritärer staatlicher Führung finden bei den befragten Jugendlichen breite Zustimmung, in Deutschland und außerhalb Deutschlands. Dabei liegt die Zustimmung in den ehemals sozialistischen Ländern etwas höher als in den westeuropäischen. Wie wenig aber solche Tendenzaussagen geeignet sind, Vorurteile zu rechtfertigen, zeigt sich darin, daß die Jugendlichen in Rotterdam gleich mit den Rostocker Jugendlichen liegen, während die Grazer und die Frankfurter Stichproben deutlich niedrigere Werte aufweisen.
  • Aussagen zu Ausländerfeindlichkeit lassen deutlich eine Ost-West-Unterscheidung zu. Rostock liegt sehr viel höher als Frankfurt und Rotterdam, Graz und Brünn liegen, beide fast gleich, zwischen Rostock und Frankfurt
  • Die Aussagen über aktiv ausgeübte Gewalt sind zwischen den beiden Stichproben Ost diskrepant. In Rostock findet Gewalteinsatz mehr Zustimmung als in Frankfurt und Rotterdam, deutlich niedriger folgt Graz und - mit überaus positivem Wert als letzte Stichprobe - Brünn als ehemals sozialistische Stadt.

Der Zusammenhang, in dem diese drei Einstellungen und Verhaltensweisen stehen, ist unübersichtlich und entspricht keineswegs der öffentlichen Vorstellung, daß das rechtsextreme Potential in einer kleinen, gefährlichen und skandalösen Gruppe zusammengefaßt ist (Zahlenmaterial für die folgenden Hinweise in Tabelle 2, Anhang).

  • Zwischen Aussagen über aktiv ausgeübte Gewalt und Fremdenfeindlichkeit besteht ein niedriger Zusammenhang (Korrelation), der in Rostock - innerhalb der an sich niedrigen Zusammenhangswerte -geringfügig höher ist als in Frankfurt.
  • Der Zusammenhang zwischen aktiv ausgeübter Gewalt und der Forderung nach autoritärer staatlicher Führung ist dagegen gar nicht gegeben; er tendiert bei entsprechender Auswahl der Stichprobe (nur die hoch autoritären Jugendlichen) ins Negative.
  • Der Zusammenhang zwischen Fremdenfeindlichkeit und der Forderung nach autoritärer staatlicher Führung liegt wiederum niedrig, in Frankfurt und Rostock nahezu gleich.

Um Irrtümer auszuschließen: Dies sind Angaben über die Dichte von Zusammenhängen, nicht über das Ausmaß, in dem die Einstellungen und Verhaltensweisen beobachtet wurden. Ausführlich formuliert, ist daraus zum Beispiel zu entnehmen: Wer in Rostock gegen Fremdenfeindlichkeit ist, wird mit etwas größerer Wahrscheinlichkeit auch gegen die Forderung nach autoritärer staatlicher Führung sein, anstatt sie zu akzeptieren. Umgekehrt: Wer in Rostock dafür ist, ... Oder: Wenn Jugendliche in Frankfurt eine autoritäre Staatsform fordern, kann daraus nicht geschlossen werden, daß sie auch gewalttätig sind. Umgekehrt: wenn sie eine autoritäre Staatsform ablehnen, ist dies kein Indikator für Gewaltfreiheit.

Die Typik der Zusammenhänge und Nicht-Zusammenhänge zwischen den drei Bereichen Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und autoritärer Einstellung wird in Grafik 1 veranschaulicht (Ergebnis einer Faktorenanalyse der europäischen Gesamtstichprobe, die entsprechend auf der Ebene der Einzelstichproben wiederholbar ist).

[Graphik in der Internet-Version noch nicht verfügbar]
Grafik 1: Denkumgebung des Indikator-Items für antidemokratische Einstellungen

Die Jugendlichen verbinden danach mit der Forderung nach autoritärer politischer Führung

  • ihre Angst vor Menschen, die dumm, gefährlich oder unberechenbar sind;
  • ihre Ablehnung der gesellschaftlich unnützen Menschen,
  • den Wunsch, die pluralistische Wertrelativität mit einer rigiden Geste der Macht durch verbindliche Maßstäbe für alle zu ersetzen.
Wir haben das Syndrom, das sich in diesem Ergebnis äußert, "paranoide Rigidität" genannt. So empfinden Menschen, die Unsicherheit erleben, die sich bedroht fühlen (vgl. hierzu auch Teil 2, Abschnitt "Gegen Rechtsextremismus: Zentrale Punkte politischer Aufklärung). Gewalt ist in der Grafik nicht vertreten. In keinem Faktor der vielen europäischen Teilstichproben tritt auch nur ein einziges Item aus der Itemgruppe Gewalt zusammen mit einem Item aus der Itemgruppe autoritäre politische Einstellungen auf. Hieraus ist zu schließen, daß beide Bereiche im Denken der befragten Jugendlichen nicht in enger Beziehung stehen.

Zusammenfassend und weiterführend kann festgestellt werden, daß die Bezeichnung Rechtsextremismus weder die gewalttätigen noch die antidemokratisch eingestellten Jugendlichen ganz trifft. Beide Gruppen weisen jeweils nur Teile des Merkmalsyndroms Rechtsextremismus auf. In Teil 2 wird aber darauf hingewiesen, daß eine im vollen Sinn politisch rechtsextreme Gruppierung auf die Gruppe der Gewaltbereiten einwirkt, so daß die Gefahr des Rechtsextremismus darin besteht, daß eine große Gruppe antidemokratisch eingestellter Jugendlicher eine kleine Gruppe von gewalttätigen und ausländerfeindlichen Jugendlichen toleriert, die ihr gewalttätiges Auftreten mit Hilfe rechtsextremer, nicht jugendlicher Gruppen politisch maximal skandalisiert.

 

Zu Ergebnis 2

Beschreibung der antidemokratischen Jugendlichen

Als antidemokratisch wurden die Jugendlichen ausgewählt, die auf die Forderung nach autoritärer politischer Führung mit hoher bzw. sehr hoher Zustimmung geantwortet haben. - Prozentual umfaßt der Anteil an antidemokratisch eingestellten Jugendlichen in den fünf hier betrachteten europäischen Städten (ohne Riga) zwischen 29 und 42 %. Am höchsten liegt Brünn, gefolgt von Rostock, Rotterdam, Frankfurt und Graz (Tabelle 3).

Die Jugendlichen sind ihrem Bildungsniveau nach ähnlich verteilt wie in der Gesamtstichprobe, das heißt: Antidemokratisch eingestellte Jugendliche kommen zu einem wesentlichen Teil aus dem gymnasialen Bildungsgang (vgl. Tabelle 9), im Unterschied zu den gewalttätigen Jugendlichen, die überproportional aus den nichtgymnasialen Bildungsgängen kommen. Die antidemokratischen Jugendlichen haben also ein vergleichsweise hohes Bildungsniveau!

In Übereinstimmung mit der typischen Motivstruktur autoritärer Einstellungen findet man bei diesen Jugendlichen

  • eine Tendenz zur Verunsicherung, das wurde bereits im Zusammenhang mit Grafik 1, "Itemumgebung von antidemokratischer Einstellung" berichtet.
  • eine deutlich erhöhte Akzeptanz von Ordnungstugenden (vgl. Tabelle 4). Die Erhöhung ist in Rostock und Brünn schwächer zu beobachten, sehr viel deutlicher in Frankfurt, Rotterdam und Graz.
  • eine Tendenz zur Rigidität gegenüber sich selbst und anderen (vgl. Tabelle 10).
  • eine positivere Einstellung zur Schule als in der Gesamtstichprobe (vgl. Tabelle 8a, 8b).
Im übrigen liegen die antidemokratischen Jugendlichen im Spektrum der verschiedenen Teilstichproben jeweils ganz nahe an der entsprechenden Gesamtstichprobe, von der sie ja auch eine große Teilmenge darstellen. Eine Nähe zu einer der Mentalitäten kann nicht festgestellt werden.

Der Gesamteindruck, den die Teilstichprobe der antidemokratisch eingestellten Jugendlichen vermittelt, läßt vermuten, daß Erwachsene, die unter der geringen Disziplin der "heutigen Jugend" leiden, diese Jugendlichen positiv wahrnehmen. Sie bemühen sich in der Schule und schätzen Ordnungstugenden.

 

Zu Ergebnis 3

Die Unterscheidung von gewalttätigen und sozial deprivierten Jugendlichen

Als gewalttätig wurden die Jugendlichen ausgewählt, die dem Item "Ich gebrauche meine Fäuste, wenn mir einer querkommt" hoch bzw. sehr hoch zugestimmt haben. Um zu beurteilen, ob die Jugendlichen sozial depriviert sind, wurden ihre Äußerungen zum Lebensstandard, zum Zusammenleben mit der Familie, zur emotionalen Qualität der privaten Umgebung sowie zu Freundschaften verglichen, und zwar zunächst zwischen den Stichproben der Gewalttätigen und den Gesamtstichproben der einzelnen Städte.

In den fünf Städten (ohne Riga) entsprechen sich die Werte der Gewalttätigen und der Gesamtstichprobe meist ungefähr (vgl. Tabelle 5), ohne daß sich daraus eine klare Tendenz ergäbe, daß die gewalttätigen Jugendlichen insgesamt günstiger oder ungünstiger lägen. Nennenswerte Abweichungen sind zu beobachten

  • bei den Angaben zum Lebensstandard: in Rostock liegen die Werte etwas über, in Frankfurt und Graz etwas unter dem der Gesamtstichprobe.
  • Bei den Angaben zum Familienleben: in Graz und Rotterdam liegen die Werte zum Familienleben etwas niedriger als die der Gesamtstichprobe. In beiden wird diese Beobachtung aber durch den befriedigenden Wert zur emotionalen Qualität der privaten Umgebung relativiert.
Die Angaben über Freundschaften liegen in allen fünf Städten bei den Gewalttätigen günstiger als bei der Normalstichprobe.

Insgesamt bedeutet dieser Befund, daß die Indikatoren, die für die Untersuchung möglicher Deprivierung ausgewählt wurden, bei den Gesamtstichproben der Städte und bei den jeweiligen Teilstichproben der Gewalttätigen zu ähnlichen Ergebnissen führen. Das heißt, daß es den gewalttätigen Jugendlichen nicht schlechter als dem Durchschnitt geht.

Wenn man die Stichproben weiter ausdifferenziert, differenzieren sich auch diese Beobachtungen. Wir haben für die beiden deutschen Städte die Teilstichproben der Gewalttätigen jeweils mit den Gesamtstichproben der Städte und mit den drei Mentalitäten, der gewaltbereiten, der resignierten und der prosozialen, verglichen (vgl. Tabelle 6; zu dem Begriff der Mentalität vgl. Anmerkung in dem einleitenden Abschnitt "Über das Projekt"). Daraus ergibt sich vor allem folgender Hinweis: Es gibt tatsächlich eine Teilstichprobe von deprivierten Jugendlichen, es sind die Jugendlichen der Resignierten Mentalität. Deren Werte liegen sehr deutlich unter den Werten beider Stichproben mit erhöhter Gewaltbereitschaft. Zweifellos gibt es unter diesen Deprivierten auch Jugendliche, die gewalttätig werden. Tabelle 1b weist einen geringen Anteil hoch gewaltbereiter Jugendlicher in der Resignierten Mentalität aus. Und zweifellos gibt es auch unter den Gewaltbereiten solche Jugendliche, die unter schlechten Lebensbedingungen aufwachsen (vgl. Grafik 2, die einen kleinen "Nebengipfel" von hoher Gewaltbereitschaft bei niedrigem Lebensstandard ausweist). Daraus, daß es das in geringem Maß gibt, läßt sich aber nicht auf einen Zusammenhang zwischen Depriviertheit und Gewaltbereitschaft schließen.

Die große Tendenz der Gewaltbereitschaft in den fünf europäischen Städten geht in die umgekehrte Richtung: Die gewalttätigen Jugendlichen kommen nicht aus sozial benachteiligten Lebensverhältnissen. Ihr Lebensstandard und ihre soziale Nahumgebung entsprechen weitgehend den mittleren Werten der jeweiligen Städtestichprobe.

 

Zu Ergebnis 4

Zukunftsoptimismus statt "No Future"- Einstellung

Das öffentliche Vorurteil, die Jugend von heute sei pessimistisch, was ihre eigene Zukunft angehe, muß in Frage gestellt werden (vgl. Tabellen 7a bis 7d, Daten für die Resignierte und die Gewaltbereite Mentalität in beiden deutschen Städten). Unsere Ergebnisse fordern dazu heraus, diese Annahme der älteren Generation über die jüngere in zwei wichtigen Punkten zu revidieren: Die Jugendlichen selbst der resignierten und der gewaltbereiten Mentalität erwarten ihre Zukunft ausnahmslos als gegenüber der Gegenwart viel günstiger. Auch da, wo - etwa in Rostock - der Besitzstand des früheren sozialistischen Systems biografisch zunächst als Verlust gedeutet wird, wird im privaten Lebensbereich erwartet, daß die Zukunft den gelobten Zustand der Vergangenheit ausgleicht, ja übertrifft. Im gesellschaftlichen Bereich, etwa Ausbildungsmöglichkeiten und soziale Gerechtigkeit, bleiben die Systemunterschiede zu Lasten des Heute bestehen; die Erwartungen, von der Gegenwart aus verglichen, bestätigen aber auch für diese Thematik die allgemeine positive Tendenz.

Überraschend scheint es, daß die Jugendlichen in den westeuropäischen Städten auch ohne die Erfahrung eines Systemumbruchs ähnliche biografische Verläufe berichten wie die im Osten (vgl. Tabellen 7a bis 7d). Keineswegs ist es so, daß nur die Jugendlichen im Osten ihre Ausbildung gefährdet sehen. Die Frankfurter Jugendlichen der Resignierten Mentalität schätzen ihre Ausbildungschancen noch negativer ein als die Rostocker Jugendlichen der gleichen Mentalität. Der typische Verlauf der biografischen Selbstdeutung der Frankfurter Jugendlichen ist der von einer ungünstigen Vergangenheit zu einer günstigeren Zukunft; der Verlauf der Rostocker Jugendlichen ist der von einer günstigen Vergangenheit über einen Abbruch und eine schlechtere Gegenwart in eine erneut günstige Zukunft, die dann zum Teil, was war, übertreffen wird.

Die Jugendlichen sind entgegen dem öffentlichen Vorurteil allgemein optimistisch eingestellt. Auch jene, die keinen Systemumbruch aushalten mußten, teilen das Lebensgefühl der anderen, daß sie nämlich auf dem Weg aus einer eher krisenhaften Vergangenheit in eine günstigere Zukunft seien.

 

 

Teil 2: Was ist zu tun?

Maßnahmen gegen Gewalt und Rechtsextremismus

 

Empfehlung 1

Den Vorwurf Rechtsextremismus durch den Vorwurf Menschenrechtsverletzung ersetzen

Wenn von jugendlicher Gewalt die Rede ist, denkt man vor allem an Skinheads - was den Erfahrungen der vergangenen Jahre nicht ganz entspricht. Dennoch soll diese Gruppe im folgenden als Modell dienen, denn hier artikuliert sich die rechtsradikale Tendenz am deutlichsten. Gegenwärtig stellt sich die Skinhead-Szene als heterogen, aber kommunikativ sehr effektiv vernetzt dar. Sie reicht von den Oi!-Skins, die sich die politische Interpretation ihrer Gruppe verbitten, über andere, die sich sozialkritisch und entweder antirassistisch (S.H.A.R.P. Skins) oder ausländerhassend (White Power Skins) geben, hin bis zu jenen, die explizit rechtsradikale Propaganda aufnehmen und verbreiten. Die Verfassungsschutz-Analysen, aber auch die Web-Sites der NSDAPAO geben Anhaltspunkte dafür, daß die Skin-Szene insgesamt Ziel der planmäßigen Beeinflussung durch die Auslandsorganisation der NSDAP, bzw. ihre Suborganisationen ist (vgl. Material 2 zu Web-Sites von Skins, der NSDAPAO und antifaschistischer Organisationen). Die ideologische und organisatorische Differenz zwischen Skinheads als heterogener Jugendsubkultur und straff organisierter nationalsozialistischer Organisation ist eine strategische Chance, an der Interventionen ansetzen sollten. Es gilt, die Verbindung zwischen beiden Szenen zu unterbrechen oder besser präventiv zu verhindern.

Das ist leicht gesagt und, wie die Erfahrung zeigt, schwer zu leisten. Die Frage ist, ob eine Verbotspolitik überhaupt eine Chance hat. Selbst der Kampf im Internet um Propaganda-Sites scheint für die Szene eher eine Herausforderung als eine Entmutigung darzustellen. In den Web-Sites der NSDAPAO gibt es eine Anleitung zum Öffnen gesperrter Sites; in antifaschistischen Gruppen auch Anleitungen zum Sperren.

Aus der Sicht unserer Forschungsergebnisse ergibt sich ein Hinweis, der - ergänzende - Maßnahmen auf ganz anderer Ebene nahelegt.

Die Zuschreibung Rechtsradikalismus an die gewalttätigen und fremdenfeindlichen Schläger sollte überdacht werden. Um das zu begründen, sollen zunächst zwei Einschätzungen nebeneinander gestellt werden.

  • Die Skinhead-Bewegung
    Kenner der Skinhead-Bewegung weisen darauf hin, daß Gewalt und Fremdenfeindlichkeit ihre Bedeutung historisch im Rahmen des sozialkritischen proletarischen Protests gegen Einwanderung, und zwar nicht in Deutschland, sondern in England, gewonnen haben. Der größte Teil der Skins interpretiert die eigene Musikszene, die gemeinsame Mitte aller Skins, nach wie vor in dieser Tradition. Zwischen dieser Position und einer rechtsextremen politischen Einstellung gibt es bedeutsame Differenzen, die sich vor allem auf die mit dem Begriff Rechtsextremismus nahegelegten, aber in der Szene überhaupt nicht thematisierten (staats-) politischen Überzeugungen beziehen (vgl. Material 1).
  • Die Analyse der antidemokratischen Einstellungen bei Jugendlichen in Europa Unsere Ergebnisse besagen, daß antidemokratische Einstellungen und gewaltbereite Ausländerfeindlichkeit in den Vorstellungen der Jugendlichen nicht zusammengehören. Daß es sich um Einstellungen verschiedener Gruppen handelt, darauf weist auch der unterschiedliche Bildungshintergrund der Gewaltbereiten und der Antidemokraten hin: Die einen stammen weitgehend aus den nicht-gymnasialen Bildungsgängen, die anderen kommen zu reichlich einem Drittel aus dem Gymnasium.

Wir haben es demnach bei den Gewalttätigen mit Jugendlichen zu tun, die ein sozialkritisches Anliegen mit menschenverachtenden Mitteln vertreten, denen aber der ideologische Zusammenhang des Faschismus kaum gegenwärtig und im ersten Ansatz auch nicht naheliegend ist. Sekundär aber bietet das Thema Ausländerfeindlichkeit einen Ansatzpunkt, an dem faschistische politische Organisationen Einfluß auf diese Szene gewinnen können. Im Argumentationszusammenhang der NSDAPAO wird das Feindbild Ausländer ideologisch überhöht, indem es in nationalistischen Kontext gerückt und zum staatlichen Anliegen erklärt wird. Zugleich wird der Skandalisierungseffekt wirksam gesteigert, ein sehr erwünschtes Ziel aus der Sicht der Tätergruppe.

Wir kommen auf unsere einleitende Anmerkung über Nachrichten und Botschaften zurück. Die zur Botschaft interpretierte Nachricht der Medien, ein Ausländer sei von jugendlichen Schlägern verletzt worden, ist im In- und Ausland ein Indikator für den aktuellen Stand der Rechten in Deutschland. Aufgrund der historischen Situation unseres Landes ist damit ein ganzes System von Reaktionen aufgerufen. Die politische Prominenz nimmt Stellung, das Ausland registriert, Vereinigungen mit politischem Wächterauftrag, wie der Zentralrat der Juden und antifaschistiche Gruppen, nehmen Stellung. Dies ist aufgrund der Interpretation notwendig und richtig, aber es ist bei der Abwehr der rechten Infiltration strategisch verhängnisvoll. Was der Warnung und Zurückweisung dienen soll, ist zugleich der Motor, der das Abzuwehrende am Laufen erhält.

Die Frage, die zu beantworten ist: Gibt es einen anderen Weg, die ausländerfeindliche Gewalt zu der schwerwiegenden Botschaft zu erheben, die wir damit verbinden wollen? Bernhard Kraak hat in diesem Zusammenhang auf die Thematik der Menschenrechte verwiesen, die nach seiner Auffassung in Deutschland politisch noch zu schwach vertreten ist. Rassistische und ausländerfeindliche Taten sind vorbehaltlos und ohne Interpretation zunächst Verstöße gegen die Menschenrechte. Ein Beispiel: Ob es seinerzeit in Rostock Lichtenhagen um die Räumung eines Wohnviertels nach unhaltbaren Zuständen oder um ausländerfeindliche Aggression ging, bleibt eine wichtige Frage; aber ohne die Antwort abzuwarten, ist die Feststellung angebracht, daß sowohl die Bewohner des Viertels als auch die angereisten Skins die Menschenrechte grob verletzt haben und schuldig geworden sind.

Wir haben Anlaß festzustellen, daß gewalttätige ausländerfeindliche Schläger zur Vertretung einer menschenrechtswidrigen Auffassung Handlungen wählen, die Menschenrechte verletzen. Wenn uns die Thematik der Menschenrechte so kostbar ist, wie es ihr zukommt, dann kann uns diese Kritik niemals zu schwach sein (vgl. Material 3 zu entsprechenden Artikeln der Erklärung der Menschenrechte). Es ist die Kritik, die den Sachverhalt trifft. Sie trennt ihn auch nicht ab von der Diskussion um Rechtsextremismus, aber sie kann den Weg ebnen, diese Diskussion in die mittelbare Verarbeitung zu rücken und damit den Einzelfall aus der strategischen Ambivalenz von Brandmarkung und Unterstützung der falschen Seite zu entlassen.

Zusammenfassend noch einmal die Argumentationslinie:

Unsere Ergebnisse besagen, daß ausländerfeindliche jugendliche Schläger (in der breiten Tendenz) keinen unmittelbaren Zugang zu nationalsozialistischer Ideologie haben. Sie werden umworben und schließlich eingesetzt von nationalsozialistischen Gruppierungen, die wohlorganisiert sind. Die plakative Ergänzung der Skinhead Aktionen durch nationalsozialistische Symbolik ist die Folge. Sie bewirkt zwangsläufig einen Skandalisierungseffekt, der propagandistisch wirksam und von der Tätergruppe erwünscht ist. Die (angebrachte) Skandalisierung sollte daher in andere Richtung gelenkt werden, indem die Taten an den Menschenrechten gemessen werden. Dies ist der Diagnose des Sachverhalts angemessen, und dies schwächt den Nutzen, den die Skinhead-Bewegung für die organisierte faschistische Propaganda hat.

Dieser Vorschlag wendet sich an die Medien und die Politik. Die Kritik an wachsender rechter politischer Einstellung darf durch diese Korrektur nicht geschwächt, sie sollte aber außer an die rassistischen und fremdenfeindlichen Schläger auch an eine weitere Adressatengruppe gerichtet werden. Politik und Medien sollten sich verstärkt mit den in Teil 1 beschriebenen antidemokratisch eingestellten Jugendlichen befassen, deren auf das staatliche System bezogene Überzeugungen in wenigen Jahren für das politische Klima wirksam werden.

 

Empfehlung 2

Jugendliche über das Verhältnis von Staat und Individuum aufklären

Die Information über den nationalsozialistischen Staat und die Entwicklung eines moralischen Urteils darüber ist die verpflichtende Aufgabe des öffentlichen Bildungswesens, aber auch der Familienerziehung. Hier ist nicht der Platz, um auf diese Aufgabe in dem ihr angemessenen Umfang einzugehen. Wohl aber kann ein Kriterium angegeben werden, an dem wirksame Bildung und Erziehung von unwirksamer unterschieden werden kann. Als politische Aufklärung, die Jugendlichen in der Abwehr rechtsextremen Gedankenguts helfen kann, kann nur gewertet werden, was im eigenen Handeln wiederzufinden ist. Das betrifft den Umgang mit Minderheiten und Feindbildern, konformistisches Verhalten, Zivilcourage, subjektiv erlebte Handlungsmacht gegenüber dem demokratischen System, in dem man lebt; das betrifft auch dessen Wertschätzung und die Fähigkeit zur argumentativen Vertretung dieser Wertschätzung. Wir greifen im folgenden aus dieser Vielfalt von Zielen des historisch-politischen Unterrichts einen Aspekt heraus, der aus der Sicht der berichteten Forschungsergebnisse naheliegt.

Jugendliche, auch noch Studenten und sicher auch viele Erwachsene sind sich im Unklaren über eine - scheinbar - moralische Kategorie: den Vorrang des Staates/Volkes vor dem Einzelnen. Unser Indikator-Item "Was unser Volk vor allem braucht, sind mutige und entschiedene politische Führer, denen es sich anvertrauen kann" findet, das wurde berichtet, breite Zustimmung. Nicht nur der Begriff der Führer (im Plural) hätte zu Bedenken Anlaß geben sollen; ganz systemwidrig ist die Forderung, das Volk müsse sich diesem Führer anvertrauen können.

Die Erwartung, politische Führer gewährten Schutz, hat historisch ihre Ergänzung in der Haltung der Gefolgschaft auf Seiten der Beschützten. Dies ist die Bedingung der Möglichkeit eines autoritären Staates. Erst durch die Anforderung von Gefolgschaft ist ein autoritärer Staat möglich. In Gesprächen mit Jugendlichen habe ich den Eindruck gewonnen, daß sie ihre politische Haltung in dieser Hinsicht als Opfermut und Solidarität deuten, Werte, die sie als für sich positiv beanspruchen. Eine Differenz zwischen Gefolgschaft und ihrer Haltung vermochten sie nicht anzugeben.

Kurz rekapituliert: Das Verfassungsrecht gibt unserem Staat die Form einer pluralistischen Demokratie. Es faßt das Verhältnis zwischen den Individuen und dem Staat als ein treuhänderisches auf: Die vielen Einzelnen beauftragen den Staat. Versieht dieser seinen Auftrag nicht angemessen, dann können die Auftraggeber entscheiden, das Mandat nicht mehr zu erneuern, oder sie können es unter bestimmten Umständen zurücknehmen. Sie bleiben in jeder Phase des staatlichen Handelns der Souverain. - Solidarität ist dann der Entschluß des sich im Besitz seines Widerstandsrechts wissenden Staatsbürgers, persönliche Interessen zurückzustellen zugunsten öffentlicher Ziele. Gefolgschaft aber ist die Fügung des Bürgers gegenüber dem Führungsanspruch des Staates. Die Differenz zwischen Gefolgschaft und Solidarität ist die zwischen Anti-Individualismus und Individualismus, zwischen staatlicher Lenkung und pluralistischer Auseinandersetzung.

Um die Unterscheidung zwischen Gefolgschaft und Solidarität mit moralischen Bedürfnissen verbinden und argumentativ vertreten zu können, bedarf es des Verständnisses pluralistischer Theorie bis zu einem Punkt, an dem die scheinbaren Widersprüche nach dem ersten Schritt in die Sache, vor allem der Widerspruch zwischen Eigeninteresse und Gemeinwohl, bearbeitbar wird. Mit dieser Thematik ist der politische Unterricht nach meinem Eindruck bisher überfordert, ohne daß dies in der Diskussion über Erziehung zur Demokratie eine ähnliche Rolle spielte wie das Thema Nationalsozialismus.

Das "Betriebssystem" der pluralistischen Demokratie ist die Gruppenstruktur, das Modell des Bürgers ist das des "joiners", des Menschen, der sich in Gruppen zusammenschließt, um eigene Interessen zu verstärken und zu versuchen, sie gegen die der anderen durchzusetzen. - Die Moral des Pluralismus liegt nicht im Verzicht des Einzelnen, sondern in der Zwangsläufigkeit des Systems: Die Aktion der Gruppe fordert die Gegenaktion der anderen Gruppe heraus. Das Ringen der Vielen miteinander ist die Schwelle, die das staatliche Handeln vor dem Egoismus des Einzelinteresses schützt. Die Moral des Einzelnen ist sein Engagement, sein Engagement für seine bürgerlichen Interessen unter Wahrung der Fairneß und des Rechts.

Die Einführung in die Geschichte des Nationalsozialismus ist eine Einführung in das Versagen der Einzelnen bei der Ausübung ihres Rechtes und ihrer Pflicht zur Kontrolle. Ergänzend und gleich bedeutend muß daher zu der negativen historischen Einführung in die Demokratie-Anforderung unseres Staates die aktuelle hinzutreten, die pragmatisch in die Wirkungsmöglichkeiten der pluralistischen Demokratie einführt, damit sie besser gelingt.

Das "Betriebssystem" der pluralistischen Demokratie ist nicht selbsterklärend, sondern moralisch verwirrend und in seiner Effizienz insbesondere unter gegenwärtigen Bedingungen der Globalisierung begründet angreifbar. Und doch ist es nach Kant das einzige, das die Menschen, auch wenn sie Teufel wären, zwänge, in ihren Handlungen Gutes zu bewirken.

Natürlich, so werden Lehrer sagen, kannte Kant die Globalisierung nicht ... An dieser Stelle gibt es nicht bei Jugendlichen, sondern bei ihren Lehrern Zweifel an den Fundamenten unseres politischen Systems.

Unsere Republik verfügt nicht über die traditionsgesättigte Symbolik ihrer eigenen Dignität, das was bei den Amerikanern die Constitution leistet oder bei den Briten das Königshaus. Über die Constitution können Amerikaner, gleich welcher politischen Auffassung, streiten, aber sie werden nicht aufhören, sie zu verehren. Über das Königshaus kann ein Brite, ob Labor oder Konservativ, lästern, aber er singt die Hymne mit gleicher Hingabe weiter, denn er meint nicht die Familie, sondern das politische System, das seinem Land dient. Daß wir ein System schätzen und dennoch oder gerade deshalb seine aktuelle Realisierung kritisieren und verändern, ist ein Grundsachverhalt aller Politik. Es ist die Pflicht der Lehrerschaft, ihr Bestes zu geben, um bei Kindern und Jugendlichen die Informationsgrundlage und die Argumentationsfähigkeit aufzubauen, die sie brauchen, um diesen folgenden Satz zu prüfen: Auch unser System ist es wert, von uns geschätzt, kritisiert und entwickelt zu werden.

Solidarität ist der Entschluß des sich im Besitz seines Widerstandsrechts wissenden Staatsbürgers, persönliche Interessen zurückzustellen zugunsten öffentlicher Ziele. Gefolgschaft aber ist die Fügung des Bürgers gegenüber dem Führungsanspruch des Staates. Die Differenz zwischen Gefolgschaft und Solidarität ist die zwischen Anti-Individualismus und Individualismus, zwischen staatlicher Lenkung und pluralistischer Auseinandersetzung.

 

Empfehlung 3

Erwachsene aufrufen: Macht euch kundig!

Ein Vater erzählte, daß er sich über seinen Sohn erregt habe, weil der unablässig laute Technomusik angestellt und ihn damit belästigt habe. Er hat den Sohn angeherrscht, er solle das Zeug ausstellen und mehr Rücksicht nehmen. Am Abend tat es dem Vater leid. Er betrat das Zimmer seines Sohnes und erklärte ihm, daß er nicht verstehen könne, daß dieser an der Musik Gefallen hätte. Aber offenbar war er bereit zuzuhören. Der Abend verlief so, daß der Sohn den Vater einführte. - Er habe gelernt, was Jugendliche hören, wenn sie hören, erzählte der Vater. Nie habe er angenommen, daß Technomusik so differenziert sei, daß man dabei so viel wahrnehmen könnte. "Das ist kein Zudröhnen mit Krach, das ist Musik," stellte er überrascht fest.

Ein vorbildlicher Vater, der an dem Abend sicher vieles wettgemacht hat, was zwischen ihm und seinem Sohn stehen mochte. Wer die Selbstdeutungen der jugendlichen Musikszenen liest, wird wissen, daß er weit über das Thema Musik hinaus Einblick in das Lebensgefühl und die Denkweisen von Jugendlichen gewonnen hat.

Renate Müller hat in einem auch heute noch lesenswerten Aufsatz das, was dieser Vater getan hat, als Verhaltensmaxime für den Schulunterricht gefordert, damit Erwachsene verstehen und damit Jugendliche das, was sie als identitätsstützende Symbolik praktizieren auch als mindestens bemerkt, wenn schon nicht geschätzt, zurückgemeldet erhalten (Renate Müller, 1994. Oi!-Musik und fremdenfeindliche Gewalt. Zur kulturellen Identität von Skinheads. In: Musik und Bildung, Hefte 3 und 4). Folgt man dem und geht in die Liedertexte der Skinhead-Szene, dann stößt man auf Themen wie: Die Welt ist verlogen und spielt uns übel mit/ In unserer Gruppe sind wir Kameraden/ Ja, wir sind der letzte Dreck und zeigen der Welt, was wir von ihr halten/ Wir kämpfen für eine bessere Welt. - Der Ton ist ordinär, die Sprache will ankotzen, die Rechtschreibung stilisiert sich mit typischen Lautschreibungen, wie etwa das symbolische oi (joy) in Doitschland, Froide.

Müller schließt aus den Selbstbeschreibungen in den Liedertexten, daß die Skins ein negatives Selbstbild hätten und zitiert entsprechende weitere Untersuchungen (vgl. Ausgewählte Liedertexte in Material 4). Nach unseren Daten trifft dies nicht zu (vorausgesetzt, es ist angemessen, stellvertretend für die gewalttätigen Jugendlichen an Skins zu denken). Nach unseren Daten gibt es in der Skinhead-Szene eine ähnliche Beziehung zwischen Aktivisten und deren Zielgruppe wie in den 68er Jahren bei den Studenten. Damals standen die Lebensverhältnisse der Unterschichten auf den Fahnen, die Fahnenträger aber gehörten keineswegs in diese Schicht. Heute erzählt die Skinhead-Band "Verlorene Jungs" von verlorenen Jungs (vgl. Material 3), sind sie selbst welche oder waren es? Wir wissen zu wenig über Skins.

Im Verfassungsschutzbericht des Landes Niedersachsens wird konstatiert: "Sie (die Skins) kommen zu einem hohen Anteil aus schwierigen Familienverhältnissen. Nach Mißerfolgen in Schule und Ausbildung sind viele perspektivlos und vermissen die Anerkennung in ihrer ursprünglichen Umgebung." Woher diese Information stammt, wird nicht mitgeteilt. Beruht sie tatsächlich auf einer Untersuchung der Sozialstruktur dieser Bewegung? Der Justizminister des gleichen Landes, Prof. Dr. Christian Pfeiffer, dagegen verweist auf Untersuchungen - und auf entgegengesetzte Ergebnisse: "Politiker sagen oft, daß Armut, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit die Ursachen von Gewalt und Ausländerfeindlichkeit sind. Die Forschungen belegen etwas Anderes. Die 90 Prozent der Täter, deren Biographien wir untersucht haben, waren weder arm noch arbeitslos" (Interview mit der Schweriner Volkszeitung, o.Datum, 8.4.01 gelesen)

Man wird über Renate Müllers Aufforderung, Jugendkulturen, auch unerwünschte, in Schulen vorkommen zu lassen, hinausgehen müssen. Wir sollten uns darum kümmern, wen wir vor uns haben. Ich wiederhole meinen Satz aus der Einleitung zu dieser Denkschrift: "Diese Jugendlichen, die uns beunruhigen, gehören zu uns. Wir sind für sie verantwortlich. Es geht nicht an, daß wir diese Zuständigkeit damit abtun, daß wir sie stigmatisieren und für uns die politische Moral der Guten beschwören."

 

Empfehlung 4

Das Motiv der Gewalttätigen bestimmen

Die Skinhead-Szene ist eine Jugendsubkultur, die einen Verhaltensstil lebt, der einen Teil der Jugendlichen fasziniert. Dies müssen wir uns eingestehen. Wenn wir es ändern wollen, müssen wir zutreffende Diagnosen haben, wir müssen die Motive der Jugendlichen verstehen. Unsere Daten sagen, daß die gewalttätigen Jugendlichen keine Deprivierten sind. Wenn sie etwas kompensieren, dann sind es nicht die Defizite der sozialen Situation. Mit dem hohen Selbstwertgefühl, das wir für diese Teilstichprobe festgestellt haben, ist vereinbar, daß hier ein Gruppengeschehen inszeniert und genossen wird. Gewalt ist ein Freizeitvergnügen, das Gruppenzusammenhalt stärkt und den einzelnen Jugendlichen im Schutz dieser Gruppe mit der Möglichkeit versieht, Macht auszuüben, Aufmerksamkeit zu erregen und Stolz zu empfinden. "Got pride?", fragen die Autoren der Homepage der Skinhead-Gruppe "Better Dead Than Red" am Ende jeder Seite.

Man muß hier nicht nach dem Lebensbereich suchen, für den Gewalt Kompensation schafft. Situationen der beschriebenen Art (die Möglichkeit, Macht auszuüben, Aufmerksamkeit zu erregen und Stolz zu empfinden) werden von allen Menschen angestrebt und in sich als attraktiv erlebt. Man kann sich daher mit diesem Verständnis zufriedengeben und betrachtet dann die Ausübung von Gewalt durch jugendliche Schläger als proaktive Gewalt, als ohne äußere Herausforderung gewähltes Verhalten. Die Antwort auf die Frage "Was ist zu tun?" muß dann eindeutig ausfallen: Konsequente Kontrolle der Jugendlichen mit angemessenen und zuverlässig eintretenden Strafen; informelle Sanktionierung bereits erster, noch unentschiedener Gesten in die Richtung Gewalt durch konsequente negative Rückmeldung der sozialen Nahumgebung, kurzum, das Verhindern von "pride" ist das Ziel. Die Bilanz dessen, was Jugendliche von einer Beteiligung erwarten dürfen, muß negativ sein, und zwar so, daß Jugendliche dies vorab auch gut übersehen können.

Geht man dem gewohnten Denkmuster nach, daß Gewalt immer irgend etwas kompensieren soll, also reaktiv erklärt wird, wird man wie folgt argumentieren: Psychologisch gesehen handelt es sich um eine erstrebenswerte Situation, auf die man sich freut, die man sich wünscht, wenn man sich geärgert hat oder andere negative Gefühle aushalten muß. Die Psychologen Tice, Bratslavsky und Baumeister reihen Gewaltausübung ein in eine Aufzählung von alltäglichem Suchtverhalten, nach Essen, Rauchen, Trinken, Spielen oder ausgedehntem Einkaufen, und zitieren weitere Wissenschaftler, die ähnlich argumentieren. Die Selbstregulation der Gefühle versagt demnach bei emotionalem Streß, das positiv besetzte Verhalten bildet das Gegengewicht, das den Gefühlhaushalt wieder ausgleicht (Emotional Distress Regulation Takes Precedence over impulse control: If you feel bad, do it! Journal of Personality and Social Psychology, 2001, Vol. 80, No. 1, p. 54). "Aggression and violence are also influenced by self-control, and indeed Baumeister (1997b) concluded that the proximal cause of much violence is a breakdown of the internal restraints that normally keep people from acting on their angry impulses. Gottfredson and Hirschi (1990) proposed that low self-control is the most important factor in building a general theory of crime and criminality. Berkowitz (1989) proposed that all forms of negative affect contribute to increased aggression (i.e., not just frustration, as some previous views have held). If that view is correct, then many acts of aggression may well reflect the loss of self-control under the influence of emotional distress."

Wenn man die inszenierten gewalttätigen Exzesse in diesem Licht betrachtet, stellt sich die Frage, welcher Art die Streß-Situationen sein könnten, die hier Widerpart der Selbstkontrolle werden. Unsere Daten schreiben den Jugendlichen tendenziell zu, einen niedrigen oder mittleren Bildungsweg zu gehen oder hinter sich zu haben. Den wichtigsten Faktor, den wir bei der Analyse ihrer Antworten gefunden haben, haben wir "paranoide Rigidität" genannt. Die darin ausgedrückten Motive kann man zusammenfassen als Abwehr von Menschen, die unerwünscht bis bedrohlich sind: Gesellschaftlich Unnütze, Verbrecher, Dumme, Andersdenkende und Ausländer. Dieses in den Antworten erkennbare Syndrom läßt auf im Alltag erwartete oder erlebte Konkurrenz schließen. Ein kollektives Feindbild, das die erlebten Schwierigkeiten einer Personengruppe zuschreibt, ist eine Erklärung der Gewaltbereitschaft, die mit den Beobachtungen vereinbar ist. Im Grunde sind wir damit bei der historischen Beschreibung der Skinhead-Bewegung, bei der Entwicklung der Londoner Szene, in der die Gemeinsamkeit zwischen Zuwanderern und proletarischen Skins an der zunehmend einengenden wirtschaftlichen Situation zerbrach und auf Seiten der Skins in Fremdenfeindlichkeit umschlug. Fremdenfeindlichkeit gehört seitdem zu den Traditionen der Skinhead-Bewegung.

Das hohe Selbstwertgefühl der Jugendlichen der gewaltbereiten Mentalität wäre dann in diesem Kontext als über die Gruppenkontakte stabilisiert, tendenziell aber gefährdet zu betrachten. Die Intervention würde - wie bei der Interpretation als proaktive Gewalt - eine konsequente und angemessene Sanktionierung erfordern. Aber kausal stünde das primäre (im Gegensatz zum kompensatorisch gestützten sekundären) Selbstvertrauen im Mittelpunkt. Im Zusammenhang der reaktiven Gewalt wird das durch Konkurrenz bedrohte Selbstvertrauen in der gewalttätigen Gruppe unterstützt. Da die Konkurrenz durch Zuwanderung nicht aufzuhalten sein wird, hier zeichnet sich ein gesellschaftlicher Konsens ab, wird die Intervention sich neben der Sanktionierung des Verhaltens auf die Stärkung der Personen, die zu Tätern werden, richten. Statt der Droge Gewalt Hilfe bei der Bewältigung der Herausforderung, die unsere Gesellschaft ihnen bietet.

Gewalt wird entweder proaktiv als Freizeitvergnügen oder reaktiv zur Affektabfuhr im Alltag eingesetzt. In beiden Fällen ist die klare Erwartung der Jugendlichen, daß ihr Verhalten negative Konsequenzen haben wird, ein notwendiges Instrument der Prävention. Die gegenwärtigen Sanktionen sowohl der sozialen Nahumgebung als auch der Strafjustiz können diese Aufgabe noch nicht leisten.

 

Empfehlung 5

Nebenwirkungen von positiven gesellschaftlichen Entwicklungen erkennen

Diese Empfehlung beruht auf einem Versuch, die anwachsende Gewaltbereitschaft nicht nur der Jugendlichen, sondern auch der Erwachsenen zu erklären. Wir gehen aus von den positiven gesellschaftlichen Entwicklungen der Demokratisierung der öffentlichen Verwaltung und der Hinwendung der Wirtschaft, nicht nur der New Economy, zu Teamarbeit und flachen Hierarchien. Die zentrale These ist: Flache Hierarchien fordern, als Ersatz für zuvor hierarchisch organisierte Macht, Mobbing heraus.

In der Soziologie hat die Analyse von Norbert Elias in seinem Werk "Über den Prozeß der Zivilisation" große Zustimmung gefunden. In kurzen Worten hat er mit einer einzigartigen historischen Analyse Folgendes belegt: Der Prozeß der Zivilisation besteht in der Zentralisierung der Gewalt. Der Einzelne gibt seine mwAufgabe, sich zu schützen und seine Rechte durchzusetzen, an staatliche Stellen ab. Heute schlägt man sich nicht mehr mit einem Dieb, sondern man erstattet Anzeige. Das Funktionieren dieses staatlichen Weges entlastet das Zusammenleben der Menschen von der Ausübung von Gewalt. Das führt zu einer Ausdifferenzierung der ästhetischen Maßstäbe des alltäglichen Umgangs, die als zunehmende Verfeinerung der Sitten beschrieben wird (evtl. Exkurs Freud - Einstein). Die zurückbleibenden genetischen Triebe zur Gewalt werden in andere Bahnen gelenkt, Sport, passives Erleben von Gewalt durch Zuschauen.

Unsere Erklärung baut auf diesem Zusammenhang auf: Gewalt ist in behördlicher Befugnis zentralisiert. Im Alltagsleben können wir unsere Rechte durchsetzen, indem wir darauf zurückgreifen.

Nun eine andere historisch noch ganz nahe Entwicklung, die ursprünglich von der Wirtschaft ausging. Mit den großen Forschungen in der Automobil-Industrie Anfang der 80er Jahre wurde Aufmerksamkeit dafür geschaffen, daß die Produktivität eines Unternehmens unter Bedingungen der Automatisierung gesteigert werden kann, wenn die Kompetenz und Kreativität des einzelnen Mitarbeiters eingebunden würde, anstatt wie in der streng arbeitsteiligen Fließbandproduktion auf routiniertes Können reduziert zu werden. Das war der Anfang der sogenannten Insel-Lösungen, der Teams, die mit erweiterter Selbständigkeit ihren Teilauftrag im Ganzen des Unternehmens gestalten sollten und auch seine Passung im Systemzusammenhang als fortzuschreibende Entwicklungsaufgabe wahrnehmen sollten. Das Ergebnis heute ist die Struktur der flachen Hierarchien, ein Schlagwort, das stark wertbesetzt ist, weil es auch eine Nähe zu demokratischen Strukturen hat. Die New Economy hat die Teamarbeit zum Prinzip erhoben und begegnet in der gegenwärtigen ersten Krise zum ersten Mal in großem Umfang einer hierarchischen Aufgabe, nämlich Personal zu entlassen.

Entscheidungsprozesse in flachen Hierarchien sind denfinitionsgemäß Kollektiventscheidungen. Das bedeutet, daß nicht die berufliche Position legitimiert, daß entschieden wird, sondern die Gefolgschaft des Teams. Daher ist ein wichtiges Kriterium für die Personalbewertung die Überzeugungs- und Führungsfähigkeit, beides basal als Kommunikationsfähigkeit definiert.

Analysiert man nun, wie Entscheidungsprozesse tatsächlich gestaltet werden, dann stellt sich eine Beziehung zu Norbert Elias Zivilisationstheorie her: Flache Hierarchien sind die erneute Dezentralisierung von Gewalt. Überzeugungskräftige, klar denkende und erfolgreich kommunizierende Führungspersonen motivieren das Team und führen es zur Entscheidung ... Unsere Alltagserfahrung hält diesen Satz an, weil sie weiß, daß solche Personen selten sind. Die Organisation von Mehrheiten ist vielmehr ein Gruppenprozeß, der auf vielfältige Weise gestaltet werden kann. Zeitgleich zur Entwicklung flacher Hierarchien ist daher der Begriff des Mobbing in die Unternehmenskultur eingetreten (natürlich gab es das vorher, aber nun wurde es Systembestandteil).

Zu unserer Frage nach der Gewalt: Seit 1980 entwickeln sich drei Linien parallel: Flache Hierarchien, Mobbing, Gewalt. Rechte durchsetzen heißt in flachen Hierarchien immer auch, sich der Unterstützung der anderen versichern; jene, die dabei auf der Verliererseite stehen, haben den selbstwertschädigenden Nachteil, bekennen zu müssen, daß die Mehrheit ihren Auffassungen nicht folgt. Mit dem Erfolgskonzept der Wirtschaft, mit der demokratie-verdächtigen Struktur der Flachen Hierarchien wird dem Einzelnen auch die Durchsetzungsfähigkeit wieder zugeschrieben, die er in nicht zentralisierter, nach Elias damit auch in nicht zivilisierter Zeit hatte. Dies fordert konsequenterweise auch die Aufgabe jener ästhetischen Standards, die an die zentralistische Befriedung gebunden sind.

Im Rahmen der Theorie von Norbert Elias sind flache Hierarchien von ihrer logischen Funktion her Dezivilisations-Instanzen.

Hier liegt neben der Produktivitätschance, neben der Demokratie-Chance eine Quelle der Frustration. Hilflosigkeit, Unübersichtlichkeit und Doppelmoral sind die Anlässe für Gewaltbereitschaft, die aber nicht auf Jugendliche begrenzt ist. Wenn man unter solchen Vorzeichen die Texte der Skin-Musik analysiert, dann ist die Konsistenz der Argumente auffällig.Gewaltbereitschaft ist ein gesellschaftliches Problem, kein Jugendproblem.

Die breite rechte Bewegung ist ein Ruf nach neuer Autorität. Hier wird Frustration auf andere Weise geäußert, aber ihre Quellen stimmen überein. Insofern sind die Ziele der Gewaltbereiten und der Antidemokraten Ausdruck der gleichen gesellschaftlichen Situation.

Wer sich gegen rechts und gegen Gewalt wehren will, sollte den tabuisierenden Schutz flacher Hierarchien, nämlich ihre Demokratie-Zuschreibung, durchbrechen und ihre Wirkung analysieren. Hier müssen Regularien gefunden werden, die den einzelnen schützen - etwa die Anti-Mobbing-Initiativen, die ja auch ihre Arbeit begonnen haben. Hier müssen aber auch die individuellen Voraussetzungengestärkt werden, um den Einzlenen unter neuen Bedingungen stärker zu machen.

 

 

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